Green NewsGreen Research

Die Rolle Deutschlands in der Zukunft der erneuerbaren Energien

Ein Gastbeitrag von Joschka Jahn & Sonja Thielges, IASS Potsdam

Deutschland gilt als ein internationaler Spitzenreiter der globalen Energiewende. Die Förderung von erneuerbaren Energien trug maßgeblich zur Senkung von Kosten für Wind- und Solarenergie bei und lieferte so auch einen bedeutsamen Anstoß für die weltweite Verbreitung dieser Technologien. Die deutsche Energiewendepolitik gilt international als Vorbild und genießt auch in der deutschen Bevölkerung breiten Rückhalt. Viele Energieexpertinnen und -experten sind sich einig, dass Energiesysteme in Zukunft von erneuerbaren Energien dominiert werden. Wie dies erreicht werden kann und welche technologischen und politischen Fortschritte dafür nötig sind, bleibt jedoch offen.

Unterschiedliche Visionen der zukünftigen Ausgestaltung des Energiesektors

Eine Vielzahl von Studien widmet sich der Frage, wie der Energiesektor in Zukunft ausgestaltet sein wird. Oft kommen diese zu unterschiedlichen Vorhersagen und zeigen unterschiedliche Pfade auf, wie diese Zukunft erreicht wird. Einigkeit herrscht in der Erwartung, dass die globale Energienachfrage immens steigen wird, bedingt durch Faktoren wie Bevölkerungswachstum in Afrika und Asien, verbessertem Zugang zu Energie in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie dem Anstieg der Wirtschaftsleistung in nicht-OECD Staaten. Gegensätzlich sind die Erwartungen hinsichtlich des Einsatzes fossiler Ressourcen und der Akzeptanz planetarer Grenzen. Einige Studien sagen in der Energieversorgung der Zukunft eine wichtige Rolle für fossile Energieträger, vor allem Erdgas, vorher. Andere erwarten eine dominante Rolle erneuerbarer Energien und erinnern an die Alternativlosigkeit einer CO2-freien Energieversorgung bei der Bekämpfung des Klimawandels.

Um den Anforderungen an zukünftige nachhaltige Energiesysteme gerecht zu werden, gehen die Zukunftsstudien von einer Vielzahl technologischer Lösungen aus. Digitalisierung und Automatisierung könnten die Energieeffizienz im Gebäude- und Verkehrsbereich erhöhen. Für die Strom- und Wärmeversorgung werden, neben Wind- und Solarenergie, Wellen- und Gezeitenkraftwerke, Biomasse und Erdwärme eine wichtige Rolle spielen. Als Speichertechnologie könnte die synthetische Herstellung von Wasserstoff mithilfe erneuerbarer Energie an Wichtigkeit gewinnen.

Die deutsche Energiewende global einordnen

Beim Workshop „Renewable Energy Futures: Germany and the World” des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam waren im Oktober Expertinnen und Experten dazu eingeladen, Deutschlands Rolle in diesen unterschiedlichen Energiezukünften zu diskutieren und zu reflektieren, inwiefern sich Deutschlands Rolle angesichts internationaler Trends im Bereich erneuerbare Energien verändert. Klar wurde dabei, dass Deutschland mit anderen Ländern viele Herausforderungen teilt. Darunter fällt beispielsweise Ausbau und Modernisierung veralteter Netzinfrastruktur sowie der Umgang mit bereits getätigten oder geplanten Investitionen in fossile Energieträger und deren Folgekosten für zukünftige Generationen. Gleichzeitig hat Deutschland als Spitzenreiter im Bereich erneuerbare Energien Konkurrenz bekommen.

Die größten Investoren sind bereits heute China und Indien. Auch die USA investieren weiterhin kräftig in erneuerbare Energie. Der globale Investitionsbedarf ist riesig und liegt Schätzungen zufolge bei 29 Billionen US-Dollar um das 2°C Klimaziel zu erreichen. Die Förderung von erneuerbaren Energien durch Instrumente wie Einspeisevergütungen und Energieauktionen hat in Schwellenländern stark zugenommen. Neben China etabliert sich Indien als wichtiger Akteur. Treiber von Erneuerbaren ist in diesen Ländern, ist der Wunsch, die Abhängigkeit von Energieimporten zu verringern, Zugang zu Energie für die gesamte Bevölkerung zu gewährleisten sowie die Luftqualität zu verbessern.

Bei der Digitalisierung und Automatisierung der Energiewende liegt Deutschland, besonders im Vergleich zu den USA, Australien oder Singapur zurück. Hier setzen Vorreiter auf digital vernetzte „Smart-Cities“, in denen Energieproduktion, -konsum und -transport flexibel aufeinander abgestimmt werden können. Deutschland muss sich angesichts dieser Trends mit Datensicherheitsbedenken auseinandersetzen. Im Bereich Mobilität zeichnet sich ein internationaler Trend zu Elektromobilität und Biokraftstoffen ab, der den Anteil erneuerbarer Energien im Verkehrssektor erhöht. Politische Konzepte sehen auch die Förderung von car-sharing und autonomem Fahren vor. Führend sind hier Länder wie China und Norwegen sowie der US-Staat Kalifornien.

Deutschland und die Weiterentwicklung der (globalen) Energiewende

Der Workshop „Renewable Energy Futures: Germany and the World” unterstrich gleichsam auch die Rolle Deutschlands als treibende Kraft bei der weltweiten Energiewende. Die Teilnehmenden betrachteten Deutschland im Bereich Forschung und Entwicklung von Energietechnologien durchaus weiterhin als Spitzenreiter. In Deutschland erworbenes Fachwissen ist weltweit gefragt. Das Land wirkt zudem als Treiber der internationalen Energiewende durch die Entwicklungszusammenarbeit – es ist das Land der OECD, das am meisten Entwicklungshilfegeldern in den Energiesektor investiert. Mit der Gründung der International Renewable Energy Agency (IRENA) hat sich Deutschland maßgeblich an der Etablierung einer internationalen Institution der globalen Energiewende beteiligt.

Die Teilnehmenden bewerteten den Fortschritt der Energiewende dennoch auch kritisch: Der Ausbau von erneuerbaren Energien in Deutschland hat sich verlangsamt, der Ausstieg aus der Kohlekraft und anderen fossilen Energiequellen schreitet zu zögerlich voran. Gesetzesänderungen haben die Wettbewerbsfähigkeit erneuerbarer Energie reduziert. Deutschland wird also sowohl aus einer innenpolitischen als auch im internationalen Vergleich nicht mehr uneingeschränkt als Spitzenreiter einer globalen Energiewende verstanden.

Deutschland sollte sich, so das Fazit, bei der Weiterentwicklung der Energiewende auf seine Stärken berufen: technologische Innovation, gesamtgesellschaftlicher Rückhalt für die Energiewende und gute Beziehungen zu wichtigen Akteuren der globalen Energiewende. Diese Stärken kann Deutschland nutzen, um von internationalen Beispielen zu lernen, sich als Trendsetter zu behaupten und den Herausforderungen zu begegnen, die sich durch den Ausbau der erneuerbaren Energien stellen. Dies betrifft nationale sowie internationale Aspekte, wie die Sozialverträglichkeit der Energiewende, die Schaffung innovativer Finanzierungsinstrumente und politischer Programme zur Modernisierung des Gebäudebestands und Verkehrssystems, den Umgang mit der Digitalisierung sowie die Sicherung des Zugangs zu Energie in Entwicklungsländern.

 

Foto: digitalgenetics / 123RF Lizenzfreie Bilder

Artikelbewertung: 
[Gesamtbewertungen: 2 - Durchschnitt: 5]

Sonja Thielges

Sonja Thielges ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Im Projekt „Wege zu einer nachhaltigen Energieversorgung“ forscht sie zur globalen Dimension der Energiewende. Ihr Magisterstudium der Nordamerikastudien, Politikwissenschaft und Neueren Geschichte schloss sie an der Freien Universität Berlin ab und arbeitet dort derzeit an einer Promotion zu den klimapolitischen Diskursen im U.S. Rust Belt.


Joschka Jahn

Joschka Jahn ist studentischer Mitarbeiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam. Im  Projekt „Wege zu einer nachhaltigen Energieversorgung“ untersucht er die politische Dimension einer globalen Energiewende. Er hat einen B.A. in Politik, Verwaltung und Organisation der Universität Potsdam und macht dort derzeit einen M.A. in Verwaltungswissenschaft.