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Fassadenbegrünung – „Gut für die Umwelt und den Wohlfühlfaktor“

Städtische Gebäude und blühende Natur müssen kein Widerspruch sein. Ganz im Gegenteil: Wieso eine Fassadenbegrünung vor allem in der Stadt Sinn macht, das schildert Gregor Grassl, Associate Partner beim Stuttgarter Planungs- und Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE.


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Herr Grassl, das Thema „Fassadenbegrünung“ nimmt derzeit wieder Fahrt auf. Woran liegt das?

Bepflanzte Fassaden und Dächer sind nicht nur optisch ein Hingucker, sondern verbessern auch das Stadtklima. Und spätestens seit der Klimaschutz so stark in den Fokus gerückt ist, ist logischerweise auch die Thematik rund um Fassadenbegrünungen wieder sehr präsent. Intensive Sonneneinstrahlung, hohe Temperaturen sowie ein enger Verdichtungsgrad in Städten begünstigen den sogenannten Wärmeinsel-Effekt, sprich höhere Lufttemperaturen in Bodennähe. Um den Wohlfühlfaktor zu bewahren und diese Effekte abzuschwächen, benötigt es mehr Grün bei Stadtentwicklungskonzepten.

Welchen Mehrwert liefern die Grünflächen?

Sie steigern die Luftqualität und verbessern damit das Stadtklima – und zugleich auch die Lebensqualität. Bäume und Begrünung sorgen für Schatten, Kühle und Befeuchtung. Gleichzeitig mildern sie aber auch Wetterextreme und dienen zum Beispiel als eine Art Schwamm und Auffangbecken bei Starkregen, was gerade in diesem Sommer ein akutes Problem darstellte. Unterm Strich: Wir müssen grüner werden, weniger Flächen versiegeln und einen positiven Beitrag zur Klimapolitik leisten.

Welche Anforderungen muss eine Fassade für die Begrünung erfüllen?

Das ist vom Typ der Begrünung abhängig. Bei der Fassade gibt es beispielsweise die einfachen Rankpflanzen, gefolgt von Rankhilfen bis hin zu aufwändigen Fassadenpflanzsystemen. Zu den Rankpflanzen gehören die Selbstkletterer, die nahezu gar nichts brauchen und daher bei vielen Gebäuden oft auch ungewollt auftreten. Mit den aufwändigeren Fassadenpflanzsystemen geht ein hohes Gewicht einher, daher müssen sie entsprechend statisch verankert werden. Zusätzlich sind Bewässerungssysteme und die damit verbundene Technik erforderlich, da es sich hier um große Grünflächen mit nahezu keiner natürlichen Beregnung handelt. Zu prüfen sind auch bei einer umfassenden Fassadenbegrünung die Brandschutzvorschriften, da sie bei Trockenheit eventuell auch eine zusätzliche Brandlast darstellen kann. Eine Fassadenbegrünung sollte nur dann gemacht werden, wenn das dafür notwendige Bewässerungssystem entsprechend über ein Regenwassermanagement geführt wird.

Wie sieht es bei der Dachbegrünung aus?

Hier ist die Statik der entscheidende Faktor, da das Gewicht durch das Substrat und die Pflanzen sowie eine Drainageschicht auf dem Tragwerk lasten. Auch Regen erhöht das Gewicht zusätzlich. Unterschieden werden zudem intensive und extensive Dachbegrünung: Eine Intensivbegrünung mit Sträuchern, Stauden oder auch kleinen Bäumen ist eher anspruchsvoll in der Anlage sowie der Pflege. Da sie viel Substrat erfordert, ist das Gewicht hoch. Mit kleinbleibenden Gewächsen wie Moosen, Sedum und Gräsern ist die Extensivbegrünung hingegen weniger aufwendig. Eine Extensivbegrünung und selbst eine einfache Intensivbegrünung ohne Baumbepflanzungen ist mittlerweile auf sehr vielen Wohn- und Bürobauten problemlos möglich. Handelt es sich aber um Gebäude mit großen Deckenspannweiten wie Produktionshallen kann die statische Ertüchtigung oft teurer als die Begrünung selbst sein. Abdichtung und Wurzelschutz sind am Dach das Thema Nummer eins.

Welche Vorteile hat eine Begrünung einer Fassade und eines Daches für das Gebäude und für die Umwelt?

Die Dachbegrünung trägt dazu bei, Regenwasser zurückzuhalten und damit die Folgen von Starkregenereignissen wie Hochwasserprobleme zu vermindern. Außerdem verbessern sie das Mikroklima in den Städten, da sie den sogenannten „Heat Island“-Effekt mildern. Als eine Art städtische Wärmeinsel ist ein Stadtgebiet aufgrund menschlicher Aktivitäten wärmer als die umliegenden ländlichen Gebiete. Das kann einen Temperaturunterschied von bis zu zehn Grad ausmachen. Außerdem erzeugt das Grün durch Photosynthese Sauerstoff, was zu besserer Luft beiträgt, während gleichzeitig CO2 gebunden und die Luft gereinigt wird, da die Grünflächen zahlreiche Luftpartikel aufnehmen. Hinzu kommen weitere Vorteile wie Schallschutz, isolierende Wirkung und der Schutz der Artenvielfalt.

Inwiefern schaden die Begrünungen der Gebäudesubstanz?

Wenn alles richtig gemacht wird, schaden sie in keinster Weise der Gebäudesubstanz. Das trifft natürlich nicht für Rankpflanzen zu, besonders dann, wenn sie sich ohne Klettergerüst direkt an der Putzfassade ranken und wie Efeu noch sehr stark sind.

Und wie sieht es mit dem Wasserverbrauch aus?

Dachbegrünungen kommen weitgehend ohne Bewässerung aus. Sollen es aber echte Dachgärten werden, dann ist eine Bewässerung notwendig. Sie sollte aber größtenteils mit Regenwasserzisternen sichergestellt werden, so dass möglichst kein oder wenig Trinkwasser verbraucht wird. Bei intensiven Fassadenbegrünungen ist eine Bewässerung notwendig – auch hier hoffentlich über Regenwasserzisternen, damit das Grün nicht zum erhöhten Trinkwasserbedarf führt. Für Wassereinsparungen gibt es verschiedene Methoden, die das Wurzelwachstum und gleichzeitig das Substrat minimieren. Das führt zu weniger Wasserverbrauch und gleichzeitig zu bis zu 80 Prozent weniger Wasserbedarf.

Das Ganze birgt ja auch einige Kosten. Ab wenn rechnen sich die Mehrkosten bzw. wann rechnen sie sich nicht?

Statt einer aufwendigen vorgehängten Natursteinfassade oder einer teuren Vollglasfassade kann sich eine Fassadenbegrünung lohnen. Rankpflanzen rechnen sich im Vergleich zu Holz- oder Metallverkleidungen an einfachen Bauwerken wie Parkhäusern. Eine extensive Dachbegrünung auf Flachdächern ist weitgehend kostenneutral, da sie keine besonderen statischen Herausforderungen mit sich bringt.

Von welchen Zahlen sprechen wir da konkret?

Fassadenbegründungen können von 40 bis zu 1.000 Euro pro Quadratmeter reichen. Teilweise entsteht auch ein erheblicher Aufwand sowie weitere Kosten im Unterhalt. Gegebenenfalls können aber die Regenwassergebühren reduziert werden. Wenn die Begrünung gut gemacht ist, dann erfährt die Immobilie künftig sehr wahrscheinlich eine stetige Wertsteigerung, die aber pauschal schwer zu beziffern ist.

Gibt es einen Trend zur Begrünung – wenn ja, woran machen Sie das fest?

Ganz klar ja. Immer mehr Städte und Gemeinden fordern und fördern Dach- und Fassadenbegrünungen. Auch Förderungen wie von der KfW für Dachbegrünungen lassen die Nachfrage ansteigen. In einzelnen Städten sind Flachdächer ausschließlich mit Dachbegrünung oder Photovoltaik-Nutzung erlaubt. Obwohl es nicht vorgeschrieben ist, sind in nahezu allen unserer Bau- und Immobilienprojekte Dachbegrünungen ein Thema, dass die Kunden mit uns diskutieren und häufig auch umsetzen. In einzelnen Bebauungsplänen sind auch schon Forderungen nach Fassadenbegrünungen enthalten.

Das klingt alles sehr sinnvoll und effektiv. Gibt es auch Probleme, die auftreten können?

Bei einfachen Rankbegrünungen muss darauf geachtet werden, dass mit Klettervorrichtungen der Abstand zum Gebäude eingehalten wird, um Bauwerksschäden zu vermeiden. Größere Herausforderungen gibt es insbesondere bei flächendeckenden und intensiven Fassadenbegrünungssystemen. Kommen dort keine flexiblen Kübelaustauschsysteme zum Einsatz, sind erhebliche Aufwendungen für den Unterhalt notwendig. Pflanzen an der vertikalen Fassade auszutauschen ist deutlich schwieriger. Wie sich die Pflanzen ausrichten, ob sie auch schattige Lagen vertragen und wind- und wetterfest sind, das muss bereits in der Planung berücksichtigt werden. Nicht jede Pflanze ist für jede Fassade geeignet. Aufwendig kann auch die Bepflanzung und Pflege sein: Bei besonders hohen Gebäuden wie den Bosco Verticale in Mailand ist sogar ein eigener Kran am Dach für Grünpflegearbeiten in der Fassade installiert.


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Gregor Grassl 1

Gregor Grassl (Dipl.-Ing.), Associate Partner bei Drees & Sommer

Gregor Grassl ist studierter Stadtplaner und Architekt sowie Fachplaner für Energieeffizienz. Bei Drees & Sommer verantwortet er zahlreiche Projekte der nachhaltigen Stadt- und Quartiersentwicklung im In- und Ausland. Schwerpunkte seiner Arbeit liegen auf der strategischen Beratung von öffentlichen und privaten Bauherren zu Klimaschutzkonzepten, Starkregenmanagement, Infrastruktursystemplanung und Zertifizierung. 2009 rief Grassl in der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) die Arbeitsgruppen „Stadtquartiere“ und später auch „Gewerbe und Industriestandorte“ ins Leben und leitete diese. 2013 wurde er von der Zukunftsinitiative der Bundesregierung in die „Nationale Plattform Zukunftsstadt“ berufen. Außerdem ist er Mitautor des Buches „Nachhaltige Stadtplanung“ (erschienen im November 2018).


Bildquelle: © baona – gettyimages.com

Dr. Katja Reisswig

Freie Redakteurin und Gründerin des Online-Magazins Technewable.com - spezialisiert auf digitale Kommunikation und Themen rund um die grüne Wirtschaft mit Fokus auf grüne Technologien, Innovationen, Lösungen und Anwendungen. Ihr Themenportfolio umfasst: Energie, Mobilität, Nachhaltigkeit, Digitalisierung & Transformation

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