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Lösungsansätze für das Elektroschrott Dilemma

Am 13. September 2018 erschien der Blog-Post „Agbogbloshie – Ein Leben auf Europas Müllkippe in Ghana“ im Blog der UmweltDruckerei. Auf ihn bezieht sich der nachfolgende Beitrag.

Immer mehr Elektronik lässt weltweit Elektroschrott Müllberge wachsen

Kaum ein Haushalt hierzulande der nicht über Waschmaschine, Fernseher, Computer, Kühlschrank, Spülmaschine und Staubsauger verfügt. Laut Umsatzsteuerstatistik erwirtschaftet der auf Kommunikations- und Informationstechnik spezialisierte Elektrofachhandel in Deutschland jährlich 30 Milliarden Euro. Für Computer, Unterhaltungselektronik, elektrische Haushaltsgeräte geben Einwohner in Deutschland pro Kopf gerechnet in etwa 780 Euro für Technik und circa 96 Euro im Durchschnitt für Unterhaltungselektronik aus. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach Elektronik weltweit. Allein im Jahr 2017 wurden mehr als 1,4 Milliarden Smartphones verkauft.

Mit Erreichen ihres Lebenszenits enden Elektrogeräte als Elektroschrott. Das geschieht aufgrund verkürzter Produkt-Lebenszyklen und schnelleren Innovationszyklen, die neue Produkte am Markt hervorbringen, in immer kürzerer Zeit. Geräteverschleiß und zum Teil auch geplante Obsoleszenz tragen ihr Übriges bei, ebenso der unaufhaltsame Digitalisierungstrend und eine global wachsende Nachfrage nach Elektronik-Konsumgütern.

Während also auf der einen Seite Umsatz und Gewinne steigen, wachsen auf der anderen Seite die Elektroschrott Müllberge. Schon heute entstehen weltweit, laut Erhebungen der International Telecommunication Union (ITU), jährlich rund 45 Millionen Tonnen Elektroschrott. Rund 600.000 Tonnen Elektroschrott entfallen allein auf Deutschland.

Fachgerechte Entsorgung von Elektroschrott in Deutschland und Europa

In Europa und Deutschland gelten Gesetze und Richtlinien, die für eine fachgerechte Entsorgung der Elektro-Altgeräte sorgen. Für Hersteller und Unternehmen gilt die European Union’s Directive on „Waste of Electronic and Electrical Equipment“ (2002/96/EC). In Deutschland regelt das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG) Rücknahme und umweltverträgliche Entsorgung. Die Marktüberwachung erfolgt über die Bundesnetzagentur.

So unterbindet beispielsweise das ElektroG eine Entsorgung von Elektrogeräten über den Hausmüll. Sie verhindert, dass auf die Weise wertvolle Rohstoffe, wie Kupfer, Gold und Silber, aber auch seltene Erden auf Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen unwiderruflich verloren gehen. Zudem schützt sie davor, dass schädliche Substanzen, wie Blei und andere Schwermetalle sowie Halogenverbindungen und Dioxine in die Umwelt gelangen.

In Deutschland sorgen rund 1.500 Recycling- und Wertstoffhöfe verteilt über das gesamte Bundesgebiet für eine fachgerechte Entsorgung von Elektroschrott und anderem Müll. Er kann hier kostenfrei abgegeben werden. Gegen Zahlung einer kleinen Gebühr können auch größere Geräte abgeholt werden.

Elektro-Fachhändler in der Pflicht

Doch nicht nur für Hersteller und Verbraucher gelten strenge Regelungen. Seit Juli 2016 gilt für Elektro-Fachhändler mit Verkaufsfläche größer als 400 qm2 und Online-Shops mit vergleichbarer Lagergrundfläche die Pflicht, Elektro-Altgeräte kostenfrei entgegen zunehmen und zu entsorgen, selbst wenn die Geräte woanders gekauft und keine neuen Geräte erworben werden. Allerdings trifft diese Regelung nur auf Kleingeräte mit einer Kantenlänge von weniger als 25 Zentimeter zu.

Bei größeren Geräten gilt in der Regel immer noch die Devise „alt gegen neu.“ Es sei denn, der Händler kommt freiwillig für eine Entsorgung größerer Elektrogeräte auf. Dennoch müssen alle Geräte nach Ende ihres Gebrauchs fachgerecht entsorgt werden.

Somit ist die Entsorgung von Alt-Elektronik in Deutschland und der EU gesetzlich streng geregelt, mit hohen Auflagen verbunden und werden Verstöße geahndet. Doch wie sieht die Rechtslage außerhalb Deutschlands oder der EU aus? Was passiert mit Elektroschrott, der in Regionen gelangt, in denen es keine strengen Regelungen gibt und weder Institutionen noch Wissen und Technik zur fachgerechten Entsorgung vorhanden sind?

The dead End – wie illegaler Elektroschrott ganze Regionen verwüstet

Nach nationalen und internationalen Regelungen sollte es solche Orte nicht geben. Indem Elektrogeräte als Gebrauchtgeräte deklariert werden, gelangen sie über illegale Exportwege in Länder, wie China, Indien, Ghana, Nigeria und Pakistan. Die Folgen dieser „freien“ Entsorgung von Elektroschrott zeigt eindringlich der Vor-Ort-Bericht im Blog der UmweltDruckerei über das abschreckende Beispiel Agbogblosphie.

Tiere weiden auf Müllbergen und ernähren sich von Abfällen

Tiere weiden auf Müllbergen und ernähren sich von Abfällen in Agbogbloshie in Ghana Foto: dieUmweltDruckerei

In diesem Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra türmen sich mittlerweile Berge von verbranntem, ausgekohltem altem Elektroschrott, der vorwiegend aus Europa stammt. Rund 6.000 Menschen leben an diesem trostlosen Ort, obwohl die Böden auf unbestimmte Zeit kontaminiert sind, keine Pflanzen mehr wachsen und Tiere sich ausschließlich von Müll ernähren. Die Elektroschrott Deponie dient ihnen als Lebensgrundlage. Sie ernährt sie und ihre Familien, indem sie auf widrige und ungeschützte Weise Alt-Elektrogeräte verbrennen, um vor allem an das Kupfer und andere Metalle zu gelangen. Diese verkaufen sie auf den umliegenden Märkten. In dem nachfolgenden Auszug aus dem Blog-Beitrag der UmweltDruckerei erzählt einer der Bewohner von Agbogbloshie über seine Lebenssituation:

 „Wir wissen um die Umwelt- und Gesundheitsprobleme hier, doch wir leben eben nur in der zweitschlechtesten aller Welten“, sinniert Mohammed fast philosophisch. Er hebt seine barfüßige Tochter auf seinen Arm und verweist nicht ohne Stolz: „Mit dem Kupfer ernähre ich meine Familie! Ohne die Deponie wären wir schließlich alle arbeitslos und müssten verhungern.“ Er berichtet, dass immer wieder Umweltorganisationen versuchten, seine schmutzige Arbeit zu unterbinden. „Doch was soll uns das bringen?“, skandiert er heftig, „Denkt ihr wirklich, wir wollen hier freiwillig für einen Hungerlohn schuften und unsere Gesundheit gefährden. Wir haben einfach keine Alternative! Schafft uns einen sauberen Arbeitsplatz und ich verspreche euch: von einem auf den anderen Tag sind wir hier alle verschwunden!“

Die Tochter von Mohammed lebt glücklicherweise nicht mehr auf der Müllkippe. Nach Informationen von Dr. Kevin Riemer-Schadendorf konnte Mohammeds Tochter inzwischen über dieUmweltDruckerei an eine Hilfsorganisation vermittelt werden, die ihre Fahrt in den Norden Ghanas zu Familienangehörigen organisiert hat. Damit ist zwar einem Einzelschicksal geholfen worden, doch die strukturellen Probleme vor Ort bleiben bestehen.

Die in Agbogbloshie vorherrschende Endzeitstimmung greift ein aktuell in den Kinos laufender Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“ auf. Er zeigt die unbarmherzigen Lebensumstände der Menschen dort. Orte wie Agbogbloshie sind Paradebeispiele für Anti-Nachhaltigkeit. Nur was können einzelne Individuen und verantwortungsbewusste Unternehmen tun, um dem globalen Elektroschrott Dilemma etwas entgegenzusetzen? Dass es Auswege aus dem Elektroschrott Dilemma gibt, zeigen die folgenden Ansätze, Lösungen und Beispiele.

Auswege aus dem Elektroschrott Dilemma

Dass wir heute nicht mehr bis in alle Ewigkeit Produkte nutzen wollen, liegt zum großen Teil am technologischen Fortschritt. Produktneuheiten am Markt lassen Elektronikgeräte schnell alt aussehen. Doch nicht für alle Geräte ist eine Neuanschaffung sinnvoll, nur weil es gerade dem Trend entspricht.

Zwei Faktoren könnten dahin wirken, dass weniger Elektroschrott entsteht. Das ist zum einen die Verlängerung der Lebensdauer der Geräte und zum andere ein besseres, sprich intelligenteres und nachhaltigeres Produktdesign. Beides kann helfen, das Anwachsen der Elektroschrott Müllberge einzudämmen.

Entscheidend sind ein effizienter Einsatz von Ressourcen, Wiederverwertbarkeit, Modularität und Reparierfähigkeit sowie das Miteinbeziehen von kompletten Wertschöpfungs- und Lieferantenketten bei Herstellungsprozessen. Bei der Erzeugung von Produkten ebenso zu berücksichtigen sind Umweltbilanzen sowie geringe Emissionen, die durch Ausgleichprogramme wie die CO2-Kompensation von natureOffice wettgemacht werden können. Von zentraler Bedeutung sind ebenso nachhaltige Geschäftsmodelle, die auf dem Dreiklang Planet, Profit, People basieren.

Drei Beispiele zeigen: Es geht auch anders!

Während es in der Mode-, Nahrungsmittel-, Kosmetik-, Lifestyle- und Möbelindustrie inzwischen eine Bandbreite nachhaltiger Alternativen und fairen Produkten gibt, ist das nachhaltige Sortiment in der Elektroindustrie begrenzt. Nachhaltige faire Elektronikprodukte haben hier noch immer Seltenheitswert. Doch einige Hersteller lassen sich davon nicht abbringen und gehen mit grünen Lösungen voran. Sie zeigen, dass es auch in der Elektronik-Industrie anders geht.

1. Beispiel: Das ethisch korrekte und modulare Fairphone

Das schon recht bekannte und weit verbreitete Fairphone ist Vorreiter für die Herstellung langlebiger, modularer und fair produzierter Smartphones. Das niederländische Unternehmen setzt auf robustes Design, fair gehandelte Materialien und transparente Lieferketten sowie gute Arbeitsbedingungen und  Wiederverwertbarkeit. All diese Werte finden sich im Fairphone wieder. Zwar gibt es hier und da noch Verbesserungsbedarf, doch der Anfang ist gemacht.

2. Beispiel: Das stylisch und minimalistische SHIFT-Phone

Mit dem #Lovephone gibt es ein weiteres modular gebautes, langlebiges Smartphone auf dem Markt. Der deutsche Hersteller SHIFT setzt auf Style und Minimalismus, achtet jedoch genauso auf Reparierfähigkeit, faire Bedingen bei der Produktion sowie auf Innovation und modernste Technik. Derzeit wird an einem universellen All-in-One Gerät gearbeitet, dem SHIFTmu.

3. Beispiel:  Die sozial gerechte und faire Computermaus

Weit weniger bekannt ist die Faire Maus von Nager IT. Bereits seit 2012 gibt es sie und sind mehr als 10.000 faire Mäuse weltweit im Einsatz. Das Ansinnen von Nager IT ist mit ihrer fairen Maus eine Lanze für faire Produktions- und Arbeitsbedingungen zu brechen. Neben technischen Verbesserungen arbeiten sie kontinuierlich an der Verbesserung der Umweltverträglichkeit der Produkte und suchen nach neuen Wegen bei den verwendeten Materialien. Alle Teile der Maus sind austauschbar und reparierbar. Einen Testbericht gibt es unter ichmachesanders.com.

Die drei Beispiele verdeutlichen, wie nachhaltige Wertschöpfungsprozesse in der Elektronik-Industrie aussehen können.

Neue Wege gehen, die Lebensdauer der Produkte verlängern, neue Geschäftsmodelle ersinnen oder seine Konsumgewohnheiten überdenken, all das sind Lösungen, die helfen Elektroschrott Berge zu verringern. Nur handelt es sich um mittel- bis längerfristige Projekte, die Zeit benötigen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Engagement zählt!

Um in der Gegenwart eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen vor Ort herbeizuführen, können Projekte von Vereinen, NGOs und Stiftungen unterstützt werden – entweder durch ehrenamtliches Engagement oder durch finanzielle Unterstützung der Projekte.

Nach ihrem Besuch in Agbogbloshie hat sich dieUmweltDruckerei zum Beispiel nach sorgfältiger Prüfung dazu entschlossen, mit dem Verein Chance for Children zu kooperieren. In ihrem Tageszentrum in direkter Nachbarschaft zu Agbogbloshie erhalten Kinder eine Verpflegung sowie medizinische und psychologische Betreuung.

Das lokal angesiedelte Hilfsprojekt bezweckt „Strassenkindern in Ghana durch materielle und ideelle Unterstützung eine Chance zu geben, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen, indem sie Liebe und Geborgenheit erfahren und schulische und berufliche Fähigkeiten erlernen. Ziel ist es, dass die ehemaligen Strassenkinder ein selbständiges Leben führen können.“

Damit bietet das Projekt Kindern Lebensperspektiven, die nicht auf der Elektroschrott Mülldeponie enden. Das Kinderzentrum kann durch Spenden unterstützt werden. 90 Prozent der Spenden landen direkt bei den Straßenkindern von Accra und werden für Schulgebühren, Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Betreuung ausgegeben. Eine Spendenquittung stellt Chance for Children aus.

Spendenkonto: Chance for Children
IBAN: DE43 6001 0070 0158 3957 08
SWIFT/BIC: PBNKDEFF
Verwendungszweck: Hilfe für das Kindertageszentrum in Accra

 


Der Beitrag ist mit Unterstützung durch dieUmweltDruckerei entstanden

dieUmweltDruckerei steht für wirtschaftliche, soziale und ökologische Nachhaltigkeit. Seit ihrer Gründung verfolgt sie einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz, den sie prozessorientiert und durch eine integrierte Strategie umsetzt. Auf die Einhaltung ihrer hohen Nachhaltigkeitsansprüche achtet die UmweltDruckerei ebenso bei ihren Partnern und Zulieferern. Bei der Erstellung ihrer qualitativ hochwertigen Druckerzeugnisse kommen ausschließlich 100 % Recyclingpapier, mineralölfreie Bio-Farben und 100 % Ökostrom zum Einsatz. Nicht vermeidbare CO2-Emissionen, die bei Herstellung und Versand entstehen, kompensiert die UmweltDruckerei durch Investitionen in Klimaschutzprojekte. Bei jedem Druckauftrag geht automatisch eine Spende an das „Project Togo“. In diesem werden sich selbst tragende Wertschöpfungseinheiten gefördert, wie eine Energie- und Wasserversorgung, Infrastruktur sowie Gesundheits- und Bildungsprojekte. Über Empowerment, d.h. „Hilfe zur Selbsthilfe“ unterstützt das Projekt die Schaffung regionaler Arbeitsplätze in der Forst- und Landwirtschaft. Darüber hinaus engagiert sich dieUmweltDruckerei in weiteren sozialen und kulturellen Projekten und setzt sich für den Artenschutz ein.

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Dr. Katja Reisswig

Dr. Katja Reisswig ist freie Redakteurin mit Schwerpunkt Digitale Kommunikation. Als promovierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin hat sie das branchenübergreifende B2B-Portals technewable.com für die grüne Wirtschaft ins Leben gerufen. Mit ihm adressiert sie grüne Innovationen, Technologien und Anwendungen. Sie stellt grünen Akteuren – Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen und anderen Organisationen – eine Kommunikationsplattform bereit. Ihre Mission ist den Transfer hin zu einer grünen Wirtschaft zu beschleunigen, den Austausch untereinander zu befördern sowie aktuelle Entwicklungen kommunikativ zu begleiten.

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