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Windenergie ist Technologietreiber für den Umbau des Energiesystems

Die Power der Windenergie präsentiert der Global Wind Summit in Hamburg

Vom 25. bis 28. September 2018 findet in Hamburg mit dem #GlobalWindSummit das größte und wichtigste Treffen der weltweiten Windindustrie statt. Auf der internationalen Leitmesse #WindEnergyHamburg präsentieren dieses Jahr über 1.400 Aussteller aus rund 100 Ländern ihre neuesten Produkte und Lösungen im Bereich Windenergie.

Zeitgleich treffen auf der WindEurope Konferenz hochrangige Regierungsvertreter, darunter zahlreiche Energieminister, der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur IEA, Fatih Birol sowie der EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete auf Experten und Entscheider aus Wirtschaft und Wissenschaft. Über 250 Redner sprechen hier über Trends und künftige Entwicklungen der Windenergie. Rund 35.000 Fachbesucher erwartet an vier Tagen ein vielseitiges, breites Programm.

Die Fachmesse bildet drei Schwerpunktthemen ab. Das sind die Themen „Dynamische Märkte“, „Kosteneffizienz“ und „Smart Energy“. Darüber hinaus gibt es ein breites Themenfeld, bei dem Turbinen, Rotorblätter, elektrische Komponenten, Logistik, Sicherheit, Finanzierung und Versicherung im Mittelpunkt stehen.

Windenergie ist fruchtbares Feld für Neugründungen

Das dies ein gedeihliches Umfeld für Neugründungen ist, bringt die neu geschaffene Start-up Area auf der #WindEnergy Hamburg zum Ausdruck. Auf ihr präsentieren Start-ups aus Deutschland dem internationalen Fachpublikum ihre innovativen Produkte und Services. Über Speeddating-Aktionen erfolgt zudem ein gezieltes Matching von Start-ups mit etablierten Unternehmen und weiteren interessanten Partnern.

Organisator der Speeddatings ist das  Innovationsnetzwerk Energieloft. Über ihre Online-Matchingplattform ermitteln sie gezielt die Matches. Bereits im Rahmen der E-World Messe im Februar 2018 und weiteren Events, wie dem Techfestival der Deutschen Energie Agentur (dena) und dem BDEW-Kongress hat Energieloft Speeddatings durchgeführt, um als Ecosystem Innovationen in den Branchen Energie, Mobilität und Smart City zu beschleunigen.

Zulieferer, Industrie und Mittelstand setzen auf Marktchancen der Windenergie

Doch die Innovationskraft der Windenergie-Branche kommt nicht nur in Neugründungen zum Vorschein. Etablierte Unternehmen aus der Branche, wie auch branchenfremde Unternehmen, beispielsweise als Zulieferer, setzen auf die weltweiten Markt- und Absatzchancen der Windenergie und investieren in die Erschließung neuer Geschäftsfelder.

Absatzchancen und Marktpotenziale der Windenergie: Drei Fallbeispiele aus NRW

Einblicke in konkrete Beispiele aus der Praxis gewährte der Besuch von Unternehmen im Rahmen einer Ende August 2018 von der Agentur Erneuerbare Energien (AEE) organisierten Pressefahrt. Rund 20 Journalisten besuchten Industriefirmen und mittelständische Unternehmen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. An zwei Tagen wurde Station in sechs Städten gemacht, um sich bei Firmenbesuchen direkt vor Ort einen Eindruck davon zu machen, wie Energiewende mit Industrieanwendungen zusammenwächst.

Die Journalisten hatten Gelegenheit sich mit Entscheidern und Fachleuten auszutauschen. Zudem wurden Werkhallen und Produktionsstätten besichtigt. Angedockt an das vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) geförderte Projekt „Förderal Erneuerbar zur Energiewende auf Landesebene“ wurde die Fahrt von der EnergieAgentur.NRW und dem Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) NRW unterstützt.

Neben Unternehmensbesichtigungen gehörten ebenso Fachvorträge und Impulsreferate zum Programm, die den aktuellen Stand der Energiewende in NRW sowie Aktivitäten vor Ort beleuchteten. Zudem war ein Pressegespräch mit dem Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes NRW, Prof. Dr. Andreas Pinkwart anberaumt. Ihm stellen die Journalisten Fragen zu energiepolitischen Weichenstellungen und Entwicklungen in NRW.

Zu den besichtigten Firmen der Pressefahrt gehörten die WestfalenWind GmbH, Infineon Technologies AG, Eickhoff Antriebstechnik GmbH, TRIMET Aluminium SE und die thyssenkrupp AG. Alle fünf Unternehmen arbeiten an unterschiedlichen Energielösungen, -konzepten und -projekten. Sie zeigen, wie über die Energiewende für Industrie und Gewerbe neue Anwendungen entstehen. Drei der besichtigten Unternehmen und ihre Projekte werden im Folgenden etwas näher vorgestellt.

1. Fallbeispiel: WestfalenWind GmbH

Die WestfalenWind GmbH beschäftigt sich seit ihrer Gründung 2009 mit der Erschließung und Nutzung regionaler Windenergie-Standorte. Bei der Umsetzung von Windparks achtet die WestfalenWind auf eine breite Beteiligung. Das Unternehmen legt viel Wert auf Akzeptanz, Partizipation und Mitbestimmung bei der heimischen Bevölkerung. Neben der Erzeugung und Vermarktung von Windstrom setzt das Unternehmen auf die Erschließung weiterer innovativer Geschäftsfelder, wie beispielsweise alternative Nutzungskonzepte.

So arbeitet das Unternehmen in einem praxisorientierten Forschungs- und Entwicklungsprojekt „SynErgieOWL“ an der „Nutzung von sonst abgeregelter erneuerbarer Energie durch ein börsenpreisoptimiertes, kostengünstiges Steuerungsverfahren, welches eine große Flexibilisierung der Wärmelasten (Power-to-Heat-Anwendungen) und der flexiblen Ladung von Elektro-Autos (Power-to-Mobility-Anwendungen) in Privathaushalten ermöglicht.“

Ein Ziel des Unternehmens ist Haushalte direkt und ohne Umwege über die Strombörse mit klimafreundlicher Energie zu versorgen. Ebenso will das Unternehmen gewerbliche Lösungen und Nutzungsoptionen von erneuerbarer Energie erschließen. Die WestfalenWind hat beispielsweise gemeinsam mit der Universität Paderborn ein Konzept entwickelt, bei dem Infrastrukturen aus Windkraftanlagen mit IT in Form von Rechenzentren verschmelzen. Ziel ist die lokale, effiziente Nutzung vorhandener Infrastruktur.

In einem Pilot-Projekt wird das Konzept derzeit getestet. Dazu wurden in einer 13 Meter breiten und 150 Meter hohen Windkraftanlage aus Stahlbetonturm vier feuerbeständige IT-Sicherheitsschränke mit Platz für 62 Höheneinheiten installiert. Den Testbetrieb untersucht ein Team um Prof. Dr. Gudrun Oevel, Leiterin des IMT der Universität Paderborn.

Serverschränke installiert im Fuß einer Windenergieanlage für Pilot-Projekt "WindCORES" Foto: Katja Reisswig, Technewable.com

Serverschränke installiert im Fuß einer Windenergieanlage für Pilot-Projekt “WindCORES” Foto: Katja Reisswig, Technewable.com

2. Fallbeispiel: Infineon Technologies AG

Nicht nur Unternehmen der Windenergiebranche entwickeln Innovationen und neue Anwendungen. Im Zuge der Energiewende geht es immer mehr darum, Energieerzeugung und -verbrauch zusammenzubringen. Um erneuerbare Energie in vielen Bereichen nutzen und über Sektoren verbinden zu können, werden Halbleitertechnik, Sensoren, Steuerungssysteme und Systemlösungen benötigt. Diese liefert beispielsweise die Infineon Technologie AG.

Sie ist ein weltweit führender Anbieter von Halbleiterlösungen und beliefert bereits heute schon alle bedeutenden Player im Bereich PV und Windenergie mit Mikroelektronik. So finden Halbleiter- und Systemlösungen Anwendung bei der Einspeisung erneuerbarer Energie, ebenso wie bei der Energiesteuerung von Elektroautos und hier beispielsweise in Ladestationen, On-Board-Ladegeräten, Haupt-Wechselrichtern, Gleichstromwandlern und Batterien. Mit rund 37.500 Mitarbeitern ist das börsennotierte Unternehmen weltweit tätig. Am Standort Warstein in NRW sind eine Produktions- und eine Forschungsabteilung angesiedelt.

Besuch des Unternehmens Infineon Technologies AG im Rahmen der AEE-Pressefahrt Foto: Katja Reisswig, technewable.com

Besuch des Unternehmens Infineon Technologies AG am Standort Warstein im Rahmen der AEE-Pressefahrt Foto: Katja Reisswig, technewable.com

3. Fallbeispiel: Eickhoff Antriebstechnik GmbH

Während die beiden erst genannten Beispiele auf eine jüngere Firmengeschichte zurückblicken, baut das global tätige Familienunternehmen Eickhoff bereits seit 1864 und damit in fünfter Generationen Maschinen und Getriebe. Ursprünglich lag der Schwerpunkt des Unternehmens im Bergbau. Seit 1990 kamen Windenergiegetriebe dazu und wuchs die Windsparte zu einer wichtigen Säule des Unternehmens.

Die Windenergie wurde für die Eickhoff Antriebstechnik GmbH in den vergangenen Jahren zu einem immer bedeutenderen Geschäftsfeld und somit Absatzmarkt für das traditionsreiche Unternehmen. Neben seinem Stammsitz in Bochum mit 1.300 Beschäftigten fertigt das Unternehmen mit 300 Beschäftigten am Standort Klipphausen in Sachsen.

 

Werksbesichtigung bei der Firma Eickhoff Antriebstechnik GmbH Foto: AEE

Werksbesichtigung bei der Firma Eickhoff Antriebstechnik GmbH Foto: AEE

Alle drei Firmen kennzeichnet, dass sie innovative Technologien und Projekte im Zuge der Energiewende und Transformation des Energiesystems mit Schwerpunkt Windenergie entwickeln, mit denen sie sich in neue Geschäftsbereiche vorwagen. Damit sind es nicht nur die Newcomer und Start-ups, die sich neuen Märkten und Marktoptionen öffnen. Selbst traditionsreiche Industrieunternehmen, die zuvor lange Zeit in anderen Bereichen aktiv waren, schlagen neue Wege ein. Auf die Weise erfolgt eine Modernisierungskur, die für zukünftige Anforderungen und Markterfordernisse grundlegend ist.

Krisenstimmung in der deutschen Windenergiebranche

Doch trotz aller Euphorie am Weltmarkt und künftigen Marktentwicklungschancen ist derzeit die Stimmung bei deutschen Windenergieunternehmen getrübt. Grund dafür sind Absatz- und Gewinneinbrüche, die jedoch nicht auf das Konto der Unternehmen selbst gehen, sondern auf energiepolitische Entscheidungen und Weichenstellungen zurückgeführt werden können.

Mit dem EEG 2017 eingeführten Ausschreibungsverfahren erfolgte eine Deckelung des Zubaus. Infolgedessen entscheidet nicht mehr der Markt, sondern der Staat darüber, wie viel Windenergie das Land verträgt. Der Zubau von Windenergie-Anlagen wurde auf jährlich 2.800 bzw. 2.900 MW festgeschrieben, schreibt der Bundesverband WindEnergie (BEW) in einer Pressemitteilung.

Zusätzlich sorgte eine Fehldefinition von Bürgerenergiegesellschaften für weitere Unsicherheiten im Markt. Vielerorts sind anvisierte Projekte nicht realisiert worden. Diese Einbrüche beim Absatz treffen die Windenergie-Hersteller und ihre Zulieferer gleichermaßen. Erste Folgen zeichnen sich in Form von Beschäftigungsabbau ab.

Während international die Windenergie ihre Potenziale auslotet, herrscht in Deutschland Krisenstimmung darüber, wie es mit der Windenergie nach Auslaufen der EEG-Förderung und unter gegebenen politischen Regelungen weitergehen soll. Wird der Windenergie hierzulande weiter der Wind aus den Segeln genommen, riskiert der Wirtschaftsstandort Deutschland neben dem Verlust von Wertschöpfung, Expertise und qualifizierten Jobs, eine weitere zentrale Komponente für das Energiesystem der Zukunft zu verlieren.

„Mit Blick auf die weltweit dynamisch wachsenden Zukunftsmärkte für Green-Tech ist es umso bedauernswerter, dass unsere Unternehmen technisches Know-how zu verlieren drohen.“ sagt Hermman Albers, Präsident Bundesverband WindEnergie. „Damit dieses Know-how der Branche nicht langfristig verloren geht, muss die Bundesregierung ihre internen Streitigkeiten endlich überwinden und die Zusagen aus dem Koalitionsvertrag schnellstmöglich umsetzen. Neben den Sonderausschreibungen brauchen wir ein verlässliches Zeit- und Mengenkonzept für den weiteren Ausbau bis 2030. Nur so können die Unternehmen unserer Branche angesichts von Planungszeiträumen von 3-5 Jahren pro Windenergieanlage wieder in eine tragfähige Kosten-, Zuliefer- und Personalplanung einsteigen. Der Fadenriss beim Zubau für 2019 ist kaum noch aufzuhalten. Für 2020 kann durch rasches politisches Handeln Schlimmeres noch verhindert werden. Das wäre vor dem Hintergrund der sehr erfolgreichen Positionierung unserer Unternehmen in einem dynamisch wachsenden Weltmarkt für Windenergietechnologie im Interesse Deutschlands“, so Albers weiter.

Der Appell an politische Entscheider ist klar formuliert. Es geht darum, der Windenergie nicht weitere Steine in den Weg zu legen, sondern schnellstmöglich an der Beseitigung von Fehlsteuerungen zu arbeiten.

Resümee: Die Innovationskraft der Windenergie für das künftige Energiesystem zünden

Wie der Global Wind Summit in Hamburg zeigt, ist die Windenergie inzwischen eine fest installierte Größe am Weltmarkt. Ihr weltweites Ausbau- und damit Marktpotenzial ist enorm. Sie ist als Basistechnologie eines erneuerbaren, sektorgekoppelten, smarten und digitalen Energiesystems unverzichtbar. Aus ihr als Schlüsseltechnologie gehen weitere Anwendungen hervor.

Diese kündigen sich in Verbindung mit der Brennstoffzell-Technologie oder der Power-to-X Technologie schon heute an. Somit kann fest mit weiteren Innovationen in Form von Produkt- und Service-Neuheiten, wie auch mit Neugründungen, F&E-Projekten und Kooperationen in den kommenden Jahren gerechnet werden.

Die Windenergie wird darüber hinaus für eine belastbare Grundversorgung aus erneuerbarer Energie benötigt. Sie gehört damit nicht nur zur systemdienlichen, sondern im Sinne der EU-Richtlinie 2008/114/EG zur kritischen Infrastruktur des Landes. Wer hier an den Pfründen der Windenergie kratzt, beschneidet die Innovationskraft für Green Tech “Made in Germany” in den kommenden Jahren und erschwert zugleich den Umbau des Energiesystems.

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Dr. Katja Reisswig

Dr. Katja Reisswig ist freie Redakteurin mit Schwerpunkt Digitale Kommunikation. Als promovierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin hat sie das branchenübergreifende B2B-Portals technewable.com für die grüne Wirtschaft ins Leben gerufen. Mit ihm adressiert sie grüne Innovationen, Technologien und Anwendungen. Sie stellt grünen Akteuren – Unternehmen, Start-ups, Forschungseinrichtungen und anderen Organisationen – eine Kommunikationsplattform bereit. Ihre Mission ist den Transfer hin zu einer grünen Wirtschaft zu beschleunigen, den Austausch untereinander zu befördern sowie aktuelle Entwicklungen kommunikativ zu begleiten.

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