You are currently viewing Luftschiff soll Höhenwinde zur Erzeugung von Windstrom nutzen
Luftschiff nutzt konstante Höhenwinde zur Erzeugung von Windstrom Bild: Aeerstatica

Luftschiff soll Höhenwinde zur Erzeugung von Windstrom nutzen

Im Gespräch mit Aeerstatica über ihr innovatives Konzept zur Erzeugung von Windstrom

Aeerstatica treibt die Energiewende voran und wird in diesem Sommer den Prototyp einer auf einem Luftschiff basierenden Windenergieanlage vorstellen. Das Konzept von Aeerstatica wird einerseits eine Renaissance der Luftschifftechnik auslösen und andererseits eine Revolution in der Windenergieerzeugung schaffen. Das neue Konzept hat das Potential endlich effizient und permanent Höhenwind zu ernten.

Bild Rotor David Gerber tiny
David Gerber, CEO von Aeerstatica

Interview mit David Gerber, CEO von Aeerstatica.

Aeerstatica hat ein sehr spannendes, neues Konzept zur Erzeugung von Windstrom entwickelt. Bevor wir darauf eingehen: Wer steht eigentlich hinter Aeerstatica?

David Gerber: Zuerst möchte ich mich herzlich für die Möglichkeit bedanken, Aeerstatica in diesem Interview vorzustellen. Aeerstatica ist ein sehr junges Unternehmen und freuen uns daher möglichst viele Fragen zu beantworten. „Wir“ – das sind vor allem mein Bruder Johannes Gerber und ich, David Gerber. Johannes ist der Ingenieur für das Gesamtkonzept des Luftschiffs. Er ist Experte für Mechanik mit Abschluss am Imperial College in London. Ich wohne mit meiner Frau und meinen drei kleinen Kindern in Ravensburg und bin gelernter Diplomkaufmann. Ich habe meinen Abschluss in Frankfurt (Oder), an der Viadrina, gemacht. Als Gründer sind mein Bruder mit 43 und ich mit 40 Jahren im perfekten Alter um nun mit einem neuen Konzept voll durchzustarten.     

Vielen Dank für die kurze Vorstellung! Kommen wir nun gleich zu eurem innovativen Konzept: Was ist das Neue daran und was zeichnet es aus?

David Gerber: Die Grundidee von Aeerstatica ist der Bau eines Luftschiffs als aerodynamischen Auftriebskörper zur Aufnahme von Generatoren. Diese erzeugen mit gegenläufigen Rotoren sauberen Windstrom, weit über der bisherigen Einsatzhöhe bestehender Windkraftanlagen.

Die Luftschiffidee ist per se nicht neu und in der Vergangenheit mehrfach spektakulär gescheitert. Was ist der Unterschied zwischen Aeerstatica und den bisherigen Konzepten?

David Gerber: Der Vorteil der Luftschiffe – der permanente, statische Auftrieb – ist zugleich auch der Grund, warum die Luftschifftechnik immer wieder spektakulär gescheitert ist, wie beispielsweise das Cargolifter-Projekt in den 2000er Jahren. Denn: Bei einem Lastentransport muss der entsprechende Auftrieb des Luftschiffs permanent gleich der Last sein um einen Schwebezustand zu erzeugen.

Beim Auf- und Abnehmen der Last müssen deswegen massive Lastausgleiche – in Form des Traggases oder in Form von Ballast – stattfinden. Das ist technisch aufwändig, kostenintensiv und gefährlich. Bei Aeerstatica hingegen benötigt das Luftschiff keinen Lastenausgleich. Es ist permanent durch ein Halteseil und -kabel mit dem Boden verbunden. Auf die Bodenverbindung wirkt die konstante Auftriebskraft des Traggases und hält damit das Luftschiff an einem vorher definierten Einsatzort und in der vorgegebenen Höhe.

Welche Merkmale hat das Aeerstatica Luftschiff konkret?

David Gerber: Das Aeerstatica Luftschiff zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: Eine klassische Luftschiffkonstruktion mit Helixstruktur zur Aufnahme der Kräfte der gegenläufigen Rotoren, Generatoren am Bug und am Heck des Luftschiffs sowie eine permanente Verbindung zum Boden zur Übertragung der gewonnenen Energie und als Halteverbindung. Die neue Kombination von vorhandenen und bekannten Technologien ist eine der Stärken von Aeerstatica. Das Luftschiff ist selbstausrichtend in den Wind, permanent am Wind zur Stromerzeugung und auch Blitzsicher. Das Traggerüst des Luftschiffs ist aus Metall und bildet einen Faraday’schen Käfig. Der Stromschlag wird über das Halteseil des Luftschiffs aus Stahl zur Erde abgeleitet. Das Luftschiff ist für starken Höhenwind ausgelegt.

Wie kann die Wartung der Luftschiffe gewährleistet werden?

David Gerber: Auch an die Wartung des Luftschiffs haben wir natürlich gedacht. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum einen kann das Luftschiff am Halteseil heruntergezogen werden, so dass eine Wartung im Landezustand des Luftschiffs am Boden durchgeführt werden kann. Denkbar sind aber auch die Wartung in der Luft durch einen Fahrstuhl entlang des Halteseils oder in der Luft mit Hilfe einer Drohne oder eines Helikopters, wie dies bei bestehenden Off-shore Windanlagen auch heute schon geschieht.

Welche Vorteile ergeben sich aus eurem neuen Konzept?

Durch die Nutzung der Luftschifftechnik mit einem permanenten Auftrieb ergeben sich für die Stromerzeugung extreme Vorteile. Generell gilt: Ab 300 Metern Höhe weht der Wind 8-fach stärker als am Boden. Ein traditionelles Windkraftwerk hat eine Wirtschaftlichkeitsrate von maximal 30%. Ein Aeerstatica Luftschiff kann voraussichtlich eine Wirtschaftlichkeitsrate von mindestens 80% erzielen. Die hohe Effizient und der kostengünstige Aufbau des Luftschiffs mit Standardmaterial ergeben eine sehr hohe Wirtschaftlichkeit des Konzepts. Die Kosten eines Luftschiffs sind etwa so hoch wie die Investition in eine „normale“ Windkraftanlage an Land. Die traditionelle Windkraftanlage hat jedoch den Nachteil, dass nur sehr wenige Standorte für einen wirtschaftlichen Betrieb in Frage kommen. Meistens auf Bergrücken, in Naturschutz- oder Vogelzuggebieten.

Für den Aufbau der normalen Windkraftanlage sind erhebliche Investitionen in die Infrastruktur notwendig. Gigantische Fundamente, Trassen für den Schwerlasttransport der Komponenten und die Verlegung der Stromkabel zum Standort des normalen Windkraftwerks erhöhen die Kosten erheblich. Für Aeerstatica ist jeder Standort ein Windkraftstandort. Das Fundament für die Verankerung des Luftschiffs ist erheblich kleiner als bei der bisherigen Lösung.

Bild Luftschiffe Aeerstatica tiny
Abbildung von Aeerstatica Luftschiffen – Noch ist das Bild gestellt. Doch so könnte es einmal aussehen, wenn die Luftschiffe zur Windstromernte aufsteigen. Bild: Aeerstatica

Durch die variable Einsatzhöhe des Luftschiffs von Aeerstatica können Standorte mit bestehender Infrastruktur genutzt werden. Es müssen keine neuen Trassen in abgelegene Gebiete gebaut werden. Durch die Höhe, in der sich das Luftschiff befindet (300-600m), entfallen der störende Schattenwurf der Rotoren, die Lärmbelästigung und ebenso eine Gefährdung der Vogelwelt. Die meisten Vogelarten halten sich in Bodennähe auf. Wie bei bestehenden Windkraftanlagen wird das Luftschiff mit Markierungsleuchten ausgerüstet werden und in den Luftverkehrskarten vermerkt, so dass eine Gefährdung von Sportfliegern nicht höher ist als bei anderen Anlagen.

Wie kann man sich die Installation des Luftschiffs von Aeerstatica vorstellen?

David Gerber: Die Installation, oder die Auslieferung, des Luftschiffs ist im Schwebezustand möglich. Durch eine Drohne oder Helikopter wird das Luftschiff an den Einsatzort verbracht. Teure Schwerlasttransporte entfallen dadurch.

Was ist euer aktueller Entwicklungsstand und wie geht es jetzt weiter?

David Gerber: Der erste Prototyp wird 10 Meter lang sein. Dieser wird das neue Luftschiffkonzept zur Gewinnung von Windstrom und seine Skalierbarkeit bestätigen. Dieser erste Prototyp wird noch in diesem Sommer seinen Erstflug erleben. Ein weiterer, größerer Prototyp ist bereits in Planung. Dieser wird 40 Meter Länge aufweisen. Dieser Prototyp wird für Messungen und Detailerprobungen genutzt werden und wird auch schon dem Stand der Serienproduktion entsprechen. Die Serienluftschiffe sind mit Längen zwischen 100 und 200 Meter geplant und für den spezifischen Einsatzort skalierbar. Durch die iterative Vorgehensweise und die Skalierbarkeit des Konzepts werden Fehlplanungen vermieden und die Qualität der Luftschiffe gesichert. Wir arbeiten dabei mit erfahrenen Partnern im Ballon- und Tragwerkstechnikbau zusammen, haben Kontakte zu Hochschulen und kennen die Anforderungen potentieller späterer Kunden, mit denen wir uns in regem Austausch befinden.

Sind weitere Einsatzgebiete der Aeerstatica Luftschiffe möglich?

David Gerber: Durch die vielen Vorteile wird sich das Konzept unsere Meinung nach, aber auch den Rückmeldungen unserer Kooperationspartner und einiger potentieller Abnehmer zufolge etablieren. Viele weitere Einsatzbereiche der Aeerstatica Luftschiffe sind, zusätzlich zur Winderzeugung, denkbar. Beispiele sind Wettermessungen, Telekommunikation, etc. Luftschiffe zur Erzeugung von Windstrom werden bald realisiert sein.

Vielen herzlichen Dank für die ausführliche Beantwortung der vielen Fragen! Wir sind bereits sehr gespannt und wünschen Euch viel Erfolg!

Dr. Katja Reisswig

Freie Redakteurin und Gründerin des Online-Magazins Technewable.com - spezialisiert auf digitale Kommunikation und Themen rund um die grüne Wirtschaft mit Fokus auf grüne Technologien, Innovationen, Lösungen und Anwendungen. Ihr Themenportfolio umfasst: Energie, Mobilität, Nachhaltigkeit, Digitalisierung & Transformation

Leave a Reply