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Konzepte die Lust auf Elektromobilität machen

Nur schleppend kommt die Elektromobilität in Deutschland in Fahrt. Über Gründe, politische Rahmenbedingungen und Lösungen sprach Technewable mit Share&Charge Mitgründer und heutigem CEO des Start-ups, Dietrich Sümmermann. Das in Essen ansässige Unternehmen treibt mit seinem ersten digitalen Produkt, die Share&Charge App, die Vernetzung von E-Mobilisten und Ladestationen deutschlandweit voran. Die Lösung wurde im innogy Innovation Hub entwickelt. Nun startet das junge „Sharing Economy“-Unternehmen unabhängig unter dem neuen Namen „Motionwerk“ als eigenständige Gesellschaft durch. innogy beteiligt sich als erster Kapitalgeber finanziell an dem Unternehmen. Mit bereits 1.000 in das System der App integrierten Ladepunkten stellt innogy darüber hinaus den aktuell größten B2B-Partner von Share&Charge dar. Für die offene Plattform sind weitere Kooperationspartner im Gespräch.

„Mit Nachdruck an Lösungen arbeiten, die Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen.“

Wie seht ihr den aktuellen Stand in Bezug auf die Elektromobilität in Deutschland?

Dietrich: Noch ist das Thema Elektromobilität sehr zahlengetrieben, dabei kommt es viel mehr auf Konzepte an. Hier sind alle gleichermaßen gefordert. Es gilt, den Kopf aus dem Sand zu ziehen, das Lamento einzustellen und an Lösungen zu arbeiten, die Deutschland auf diesem Gebiet wieder wettbewerbsfähig machen.

Mit ihrer Aussage zur Absenkung der zu erwartenden Neuzulassungszahlen im Bereich Elektromobilität schließt sich Angela Merkel der Meinung einiger Experten an. Zwar sind auch für uns die Aussagen der Kanzlerin nicht überraschend, dennoch muss man aber fragen: Was wird daraus denn für ein Schluss gezogen? Bedeutet dies etwa, dass dieser Markt in Deutschland nicht funktioniert und damit Elektromobilität chancenlos ist? Wir antworten mit einem klaren „Nein“. Vielmehr gilt es, mit Nachdruck an Lösungen zu arbeiten, die Deutschland auf diesem Gebiet wieder wettbewerbsfähig machen.

Mit unserer App sehen wir uns als Teil der Lösung: Ohne eine Antwort auf die Elektro-Tankstellenproblematik wird der Verkauf von E-Autos trotz Kaufprämie weiter stagnieren. Denn ein Grund für die Zurückhaltung beim Kauf von E-Autos ist die lückenhafte Ladeinfrastruktur – ein Punkt bei dem sich auch die Politik nicht der Verantwortung entziehen kann, sondern Konzepte wird liefern müssen. Denn E-Mobility ist kein Trend, sondern die Zukunft, davon sind wir überzeugt.

„Wichtig sind gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die Lust auf Elektromobilität machen.“

Welche Rolle spielt aus Deiner Sicht die Politik?

Dietrich: Die Politik hat in Deutschland einen maßgeblichen Einfluss auf das Thema Elektromobilität. Sie gibt die Rahmenbedingungen vor und kann hier als Fürsprecher und Förderer der Thematik oder eben als Opponent und Bedenkenträger auftreten.  Wichtig ist es, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die Lust auf Elektromobilität machen und das Thema für die Interessenten nicht unnötig schwieriger gestalten. Insbesondere gilt dies für eine Berücksichtigung in Gewerbe- und Einkommenssteuergesetz, Eichrecht sowie Stromgesetz, das aktuell beispielsweise vorgibt, dass der Ladesäulen-Inhaber als Versorger auftritt, wenn er seinen Strom anderen zur Verfügung stellt. Hier sollten Ziele gesteckt werden, die erreichbar sind und dazu Maßnahmen begründet werden, die die Industriepartner ebenso wie den Endverbraucher anspornen und nicht Prokrastination motivieren.

„Vorfahrt haben Elektroautos heutzutage noch nicht.“

Haben Automobil-Industrie und Politik den Trend Elektromobilität verschlafen?

Dietrich: Vorfahrt haben Elektroautos heutzutage noch nicht. Jedoch gibt es  bereits vielversprechende Ansätze in der Automobil-Industrie. Sicherlich gibt es andere Länder, wie zum Beispiel die Niederlande oder Norwegen, aber auch einige asiatische Länder, von denen wir in Deutschland lernen können, wie es schneller und energischer klappen kann.

„Wichtig ist, dass alle an einem Strang ziehen, um dem großen Ziel näher zu kommen.“

Welche Maßnahmen sind entscheidend, um die Elektromobilität in Deutschland stärker voranzubringen?

Dietrich: Deutschland benötigt pragmatische Ansätze. Wichtig ist, dass nun alle an einem Strang ziehen, um dem großen Ziel näher zu kommen. Neben den oben genannten rechtlichen Rahmenbedingungen, die dem Einzelnen beinahe ein Wirtschaftsrechtsstudium nahelegen, bevor man sich auskennt, umfasst es viele Bereiche der Wertschöpfungskette, unter anderem: Die der Unterstützung der Batterie-Entwicklung, die Subvention des Fahrzeugs und seiner Ladestation oder die Förderung des Verkehrs auf Landes- und Bundesebene.

Energieversorger in Städten und Gemeinden könnten in die Ladeinfrastruktur eingebunden werden. Mit Blick auf die Automobil-Industrie sind geeignete Maßnahmen unter anderem solche, die am Verkaufsort, dem Handel, entscheidend wirken könnten, wie zum Beispiel die Neuverhandlung von Margen für Neu- und Gebrauchtwagenmodelle und die fachliche Schulung des Verkaufspersonals bei den  Autohändlern im Bereich E-Mobility. Auch die beispielsweise erst jüngst in den Medien vorhergesagte Zusammenlegung der Mobilitätsangebote von BMW und Daimler, spricht insbesondere auch E-Mobility-Interessenten an und ermöglicht so, die Hemmschwelle weiter abzusenken.

„Mit der Share&Charge App werden private Ladestationen zugänglich und per Blockchain transparent abrechenbar.“

Welche Lösung bietet ihr mit Share&Charge an? Was verbirgt sich hinter Share&Charge?

Dietrich: Mit Share&Charge widmen wir uns einem wichtigen Problem für E-Mobilisten sowie Personen, die vor einer Kaufentscheidung stehen: Der fehlenden, flächendeckenden  Ladeinfrastruktur in Deutschland und der damit einhergehenden Angst vor der Einschränkung der persönlichen Mobilität. Statistisch gesehen sind Ladestationen in Deutschland aktuell noch 100 Kilometer voneinander entfernt. Dadurch, dass vorhandene, private Ladestationen über unsere App öffentlich zugänglich und per Blockchain auch transparent abrechenbar gemacht werden, könnte diese statistische Distanz auf 10 Kilometer reduziert werden.

Hier wäre der gesamten Community geholfen, denn die Notwendigkeit der alleinigen Versorgung über Tankstellen, wie bei konventionellen Autos,  fällt bei E-Autos ja gänzlich heraus. Und so unterstützen wir und Partner die Community neben der Darstellung der verfügbaren Infrastruktur mit einer transparenten Abrechnung. So wird schon bald das Sparschweinchen obsolet, das noch bis vor kurzem an privaten Ladestationen für jene stand, die sich dort mit einer Stromfüllung bedienten.

„Die App ist ein Werkzeug für Besitzer von Ladestationen sowie Fahrern von Elektroautos, die aktiv die Zukunft der Elektromobilität mitgestalten wollen.“

Wer kann die App nutzen? Welche Vorteile bietet sie?

Dietrich: Share&Charge ist ein Netzwerk für alle Arten von Ladestationen. Wir möchten zum einen E-Mobilisten helfen, sich in ihrer Region zu vernetzen und einander zu unterstützen und zum anderen relevante Unternehmen und Organisationen an den gleichen Tisch bringen, um den Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland schnell und verlässlich voran zu treiben; die Entwicklung soll allen zugänglich gemacht werden. Hierzu gibt es die Share&Charge App, die es ermöglicht, Stromtankstellen mit anderen zu teilen und den geladenen Strom abzurechnen, wobei die Tarife der Ladestationen von den Inhabern selbst bestimmt werden. Share&Charge ist somit ein Werkzeug von uns für Besitzer von Ladestationen sowie Fahrern von Elektroautos, damit diese selbst aktiv die Zukunft der E-Mobilität mitgestalten können.

„Die Blockchain-Technologie wird zentraler Bestandteil der E-Mobility Welt sein.“

Worauf kommt es bei der erfolgreichen Umsetzung Eurer Lösung an?

Dietrich: Das technologisch spannende ist die Blockchain-Technologie, die unserer Lösung zugrunde liegt. Wir sind fest überzeugt, dass diese dezentrale Technologie ein wesentlicher Teil der zukünftigen E-Mobility Welt sein wird. Daher setzen wir schon sehr früh auf diese Technologie, was eben auch die größten Herausforderungen mit sich bringt, da es noch eine junge, aber vielversprechende Technologie ist.

„Die Community der E-Mobilisten möchten wir bei ihren Vorhaben unterstützen, gemeinsam an einer CO2-freien Mobilität zu arbeiten.“

Mit Eurer Lösung wollt ihr nicht nur das Ladeinfrastrukturproblem ein Stück weit lösen. Bei Euch geht es auch um das Schaffen einer Community. Was macht eine Community so wichtig für Eure Lösung?

Dietrich: Share&Charge lebt durch seine Nutzer. Bereits in den ersten Monaten und während den ersten Kontakten mit der Community der E-Mobilisten sind uns die besondere Passion und Ausdauer aufgefallen, mit denen  E-Mobilisten bereits seit Jahren versuchen, das Thema voran zu bringen. Wir möchten den E-Mobilisten mit unserer App ein Werkzeug an die Hand geben, das ihnen hilft, sich noch besser in Deutschland zu organisieren, sie bei ihren Vorhaben unterstützen und gemeinsam an einer CO2-freien Mobilität zu arbeiten.

„Über die App wird ungenutzte Ladeinfrastruktur für eine Teil-Öffentlichkeit zugänglich und nutzbar gemacht.“

Share&Charge App zur Förderung der Elektromobilität

Share&Charge App zur Förderung der Elektromobilität Foto: Share&Charge

Die App basiert auf dem Prinzip der „Sharing-Economy“. Das Prinzip habt ihr nun auf die E-Mobility-Community adaptiert. Welche Grundgedanken stehen dahinter?

Dietrich: Der Grundgedanke hinter der Sharing-Economy ist, dass durch das Teilen von Gütern, die zu dem Zeitpunkt nicht benötigt werden, ganze oder teilweise ungenutzte Ressourcen effizienter vermittelt werden können. Im Beispiel der Ladeinfrastruktur heißt dies, dass bereits vorhandene Ladeinfrastrukturen, die aktuell nur einer Person oder Familie zugänglich ist und den Großteil der Zeit ungenutzt sind, für die Teil-Öffentlichkeit nutzbar wird. Eine weitere Facette des Angebotes in unserer App ist der während des Ladevorgangs nutzbare Parkplatzraum, der Nutzern wie Anbietern gerade in urbanen Gebieten eine attraktive Preiskomponente für den zu bezahlenden Strom liefert. Denn immerhin kann ich mein Fahrzeug für den Zeitraum der Aufladung dort parken.

„Aufbauend auf der Ethererum Blockchain-Technologie haben wir unsere Share&Charge App entwickelt.“

Welche Technologien nutzt ihr für die Umsetzung Eurer Lösung?

Dietrich: Share&Charge basiert auf der dezentralen und transparenten Blockchain-Technologie, welche bereits jetzt die einzigartige Möglichkeit bietet, Menschen miteinander zu vernetzen und Produkte unkompliziert zu teilen und abzurechnen. Blockchain ist somit eine Technologie, die für alle gemacht ist, die sich unkompliziert innerhalb von einer Gruppe vernetzen, Infrastruktur gemeinsam aufbauen und teilen möchten. Aufbauend auf der Ethererum Blockchain-Technologie haben wir unsere Share&Charge App entwickelt, welche die Schnittstelle zwischen Benutzern und der Blockchain bildet und Funktionen wie die Suche nach Ladestationen, das Aufsetzen eines Tarifs sowie die Einbindung eines Zahlungsdienstleisters ermöglicht.

„Ein gut gemischtes Team aus Technikern, Kaufleuten und Marketingprofis aus dem Umfeld des innogy Innovation Hub steht hinter dem Start-up.“

Wer steckt hinter dem Start-up? Wer sind die Gründer? Welches Know-how bringen sie mit?

Dietrich: Share&Charge wurde von einem gut gemischten Team aus Technikern, Kaufleuten und Marketingprofis aus dem innogy Innovation Hub ausgegründet. Das dahinter stehende Unternehmen „Avanza GmbH“ befindet sich aktuell in der Umfirmierung und wird künftig unter „Motionwerk GmbH“ auftreten.

Die gemeinsame Entwicklung fand mit Kontakten rund um innogy statt, auch ich war als einer der ersten Mitgründer und heutiger Motionwerk CEO dabei. Dank jahrelanger Erfahrung bei RWE und innogy, unter anderem als Head of B2C enablement im Bereich Smart&Connected Lighthouse und LNG Business Developer, weiß ich um den Aufbau eines Unternehmens und das Projektmanagement im Bereich der Energiebranche Bescheid, dazu vertrete ich auch den Grundgedanken der neuen Technologie und Blockchain-Systeme.

„Mit europäischen Partnern arbeiten wir an einem pan-europäischen Ladenetzwerk auf Blockchain-Basis.“

Was habt ihr Euch für die kommenden 3 Jahre vorgenommen? Wo steht ihr aktuell und was wollt ihr erreichen?

Dietrich: Jetzt sind wir sehr glücklich, dass Share&Charge live im Markt ist und die Anzahl der Nutzer stetig steigt. Parallel arbeiten wir mit europäischen Partnern an einem pan-europäischen Ladenetzwerk auf Blockchain-Basis und sind sehr gespannt auf erste Testergebnisse.
Auf die längere Distanz hin wollen wir ein dezentrales Netzwerk für Mobilitätstransaktionen bauen. Daher schauen wir schon jetzt auch über den Tellerrand des „Chargings“ hinweg und beschäftigen uns mit der Idee des P2P-Car Sharings auf Basis der Blockchain.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Im folgenden Video stellt Dietrich Sümmermann, CEO Motionwerk, die E-Mobilitätslösung „Share&Charge“ vor und besucht einen der ersten Testkunden.

Wer sich darüber hinaus für das Thema Elektromobilität interessiert, kann sich rund um das Thema auf dem Blog „Saving-Volt.de“ von Daniel Bönnighausen informieren. Neuster Beitrag: „E-Mobilität & autonomes Fahren – Vortrag auf dem Barcamp Hannover 2017

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Katja Reisswig

Katja Reisswig ist promovierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie ist Gründerin des branchenübergreifenden B2B-Portals technewable.com für die grüne Wirtschaft. Ziel des Portals ist, grüne Lösungen und Technologien bekannter zu machen, grüne Akteure zu vernetzen und den Transfer hin zu einer grünen Wirtschaft kommunikativ zu begleiten.