Du betrachtest gerade Tiny Forests: Kleine Wälder mit großer Wirkung – für Mensch und Natur

Tiny Forests: Kleine Wälder mit großer Wirkung – für Mensch und Natur

Inhaltsübersicht

Ein Wald, so groß wie ein Tennisplatz

Stellen Sie sich einen Wald vor, etwa so groß wie ein Tennisplatz, der mitten in der Stadt entsteht – auf einer Brachfläche, neben einem Schulhof oder auf einem Krankenhaus- oder Firmengelände. Genau das sind Tiny Forests: kleine, dicht bepflanzte Wälder aus einheimischen Baum- und Straucharten, die nach der Miyawaki-Methode angelegt werden. Pro Quadratmeter werden drei bis vier Bäume und Sträucher gepflanzt, sodass auf einer Fläche von zum Beispiel 200 Quadratmetern schnell ein dichter, artenreicher Wald mit etwa 600 bis 800 Bäumen und Sträuchern entsteht. Neben den ökologischen Vorteilen liegt ihr wahrscheinlich größter Wert darin, dass sie die entfremdete Beziehung zwischen Mensch und Natur wieder stärken und ökologische Prozesse direkt erlebbar machen (Ottburg et al., 2022; Stadt+Grün, 2023).

Woher kommt die Idee?

Die Wurzeln der Tiny Forests liegen in Japan. In den 1970er-Jahren entwickelte der japanische Botaniker und Pflanzenökologe Akira Miyawaki eine Methode, um auf stark degradierten Böden schnell wieder stabile, naturnahe Wälder entstehen zu lassen. Sein Ansatz: Es werden ausschließlich einheimische Arten verwendet, die in mehreren Schichten (Kronen-, Unterholz-, Strauch- und Bodenschicht) extrem dicht gepflanzt werden. Durch diese Dichte entsteht ein schneller Wettbewerb um Licht, der das Wachstum beschleunigt. Miyawaki pflanzte mit dieser Methode weltweit mehr als 1.700 Wälder, von denen Studien zeigen, dass sie sich zu resilienten Ökosystemen entwickeln (Miyawaki, 1999; Ottburg et al., 2022; Green Flag Award, o. D.).

Der indische Ingenieur Shubhendu Sharma brachte die Methode in urbane Kontexte. Nachdem er 2010 erfolgreich einen kleinen Wald in seinem eigenen Garten gepflanzt hatte, gründete er das Unternehmen Afforestt und begann, diese Mini-Wälder weltweit umzusetzen. Sharma passte Miyawakis Ansatz speziell für Städte an und nannte diese Projekte „Tiny Forests“. Seitdem hat sich das Konzept rasch verbreitet, insbesondere in Asien und Europa (JSTOR Daily, 2019).

Wie haben sich Tiny Forests verbreitet?

Ab Mitte der 2010er-Jahre erreichte die Tiny-Forest-Bewegung Europa, zunächst in den Niederlanden Das niederländische Institut für Naturpädagogik (IVN) legte 2015 die ersten europäischen Tiny Forests in Zaandam an (IVN, 2025). Der Verein Citizens Forests e.V. pflanzte im Mai 2019 den ersten Tiny Forest in Bönningstedt (Schleswig-Holstein) (Citizens Forests, 2026).

Heute gibt es in Deutschland mehr als 70 Tiny Forests, die von verschiedenen Organisationen, Kommunen, Schulen und Bürgerinitiativen angelegt wurden. Weltweit sind es bereits über 3.000 Tiny Forests, die meisten davon in Asien und Europa (Parents For Future, 2026; Spektrum, o. D.).

Tiny Forests als Baustein im urbanen Grün

Tiny Forests sind kein Allheilmittel – sie sind ein wertvoller Baustein im Netzwerk städtischer Grünflächen. Damit Städte tatsächlich spürbar kühler werden und die Biodiversität flächenmäßig zunimmt, braucht es vernetzte Grünstrukturen: ökologisch angelegte Parks, Alleen, Dachgärten, Fassadenbegrünung, Blühwiesen und eben auch Tiny Forests. Erst im Verbund entfalten diese Maßnahmen ihre volle Wirkung (Stadt+Grün, 2023; Enercity, 2024; Plant Your Tip, 2025).

Um die Habitatvielfalt weiter zu erhöhen, können Tiny Forests gezielt um Biodiversitätselemente erweitert werden: Insektenhotels, Steinhaufen, Totholz-Elemente oder kleine Teiche bieten zusätzlichen Lebensraum für unterschiedlichste Lebewesen – von Wildbienen über Käfer bis hin zu Vögeln und Kleinsäugern. So werden aus kleinen Wäldern echte ökologische Trittsteine im urbanen Raum (Network of Nature, o. D.; Ottburg et al., 2022).

Wie entsteht ein Tiny Forest?

Der Ablauf ist einfach und vor allem partizipativ: Zuerst wird eine geeignete Fläche gesucht – oft sind es Brachflächen, Baulücken oder Schulhöfe. Dann werden standortangepasste, einheimische Baum- und Straucharten ausgewählt, basierend auf der potenziell natürlichen Vegetation. Einige Organisationen pflanzen zusätzlich sogenannte Klimabaumarten – nicht-einheimische, aber klimaresiliente Arten, die mit den zukünftig wärmeren Bedingungen zurechtkommen (Spektrum, o. D.; Enercity, 2024; MIYA forest, 2026a; Stadt+Grün, 2023).

Der Boden wird vorbereitet, da städtische Böden oft verdichtet und voller Müll sind. Dann kommt der schönste Teil: Der Pflanztag! Freiwillige, Anwohnende, Schulklassen und Kinder kommen zusammen, um die Bäume und Sträucher zu pflanzen. Diese gemeinsamen Aktionen sind immer voller Spaß und Begeisterung – es ist beeindruckend zu sehen, was in kurzer Zeit zusammen geschafft werden kann. In einer Zeit, in der viele Menschen das Gefühl haben, gegenüber Klimawandel und Artenverlust ohnmächtig zu sein, schaffen Tiny Forests konkrete Handlungsmöglichkeiten und stiften Hoffnung (Earthwatch, 2025; SLU, 2024; Network of Nature, o. D.; Umweltbundesamt, 2020).

Nach dem Pflanzen wird die Fläche dick mit Mulch bedeckt, um den Boden vor Austrocknung zu schützen. In den ersten zwei bis drei Jahren sind moderate Pflege und Bewässerung nötig, danach entwickelt sich der Tiny Forest weitgehend selbstständig (Miyawaki, 1991; Wikipedia, o. D.; Green Flag Award, o. D.).

Tiny Forests - Vorher Nachher Bild in Berlin am Spittelmarkt
Vorher-Nachher Bild - Tiny Forest am Spittelmarkt in Berlin Foto: MIYA forest e. V.
Tiny Forests Vorher Nachher Bild Darmstadt
Vorher-Nachher Bild - Tiny Forest in Darmstadt Foto: MIYA forests e.V.

Welchen Mehrwert liefern Tiny Forests?

Für die Natur

Im Vergleich zu monotonen, nicht-einheimischen Forstplantagen oder versiegelten Flächen sind Tiny Forests wahre Biodiversitäts-Hotspots. In einer Untersuchung von 11 Tiny Forests in den Niederlanden wurden von Freiwilligen 934 verschiedene Pflanzen- und Tierarten dokumentiert. Besonders Insekten, Vögel und bodenlebende Organismen profitieren von der strukturreichen Vegetation (DW, 2021; Ottburg et al., 2022; Böll Bremen, 2024).

Auch beim Klimaschutz leisten Tiny Forests einen wichtigen Beitrag: Forschungen zeigen, dass Kohlenstoff gebunden wird und sich in Städten durch Beschattung und Verdunstung lokale Temperaturen senken – ein wichtiger Effekt angesichts zunehmender Hitzewellen (DW, 2021; Plant Your Tip, 2025; Enercity, 2024).

Darüber hinaus verbessern Tiny Forests die Luftqualität, filtern Schadstoffe, produzieren Sauerstoff und helfen bei der Regenwasserbewirtschaftung, indem sie Niederschläge zurückhalten und Abfluss reduzieren (Earthwatch, 2025; Network of Nature, o. D.; Böll Bremen, 2024).

Für den Menschen

Neben den ökologischen Leistungen haben Tiny Forests einen tiefgreifenden sozialen und psychologischen Nutzen. Sie schaffen grüne Oasen in verdichteten Stadtgebieten, die als Rückzugsorte dienen und nachweislich das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit fördern. Der Kontakt mit Natur reduziert Stress, verbessert die Konzentration und stärkt das Gemeinschaftsgefühl (Network of Nature, o. D.; SLU, 2024).

Viele Tiny Forests werden als grüne Klassenzimmer genutzt: Regelmäßige Bildungsangebote finden direkt im Wald statt, außerhalb des Schulgebäudes. Kinder lernen dort über Biodiversität, Klimawandel und ökologische Zusammenhänge – mit allen Sinnen und direkt vor Ort (Umweltbundesamt, 2020; Spektrum, o. D.).

Für Unternehmen und Kommunen bieten Tiny Forests zudem konkrete Vorteile: Sie verbessern das Mikroklima auf Firmengeländen, steigern die Attraktivität von Standorten und unterstützen Nachhaltigkeitsziele (Network of Nature, o. D.; Plant Your Tip, 2025).

Forschung und Citizen Science in Deutschland

Bisher gibt es noch wenig wissenschaftliche Daten zu den tatsächlichen Wirkungen von Tiny Forests in Deutschland. Um diese Lücke zu schließen, setzt MIYA forest e.V. als einzige Organisation in Deutschland auf umfassende Forschung und Citizen Science. Gemeinsam mit Earthwatch wurde das internationale Citizen-Science-Programm ins Deutsche übersetzt, sodass nun auch hierzulande Biodiversitäts- und Baumwachstumsdaten online erfasst und ausgewertet werden können (MIYA forest, 2026b; MIYA forest, 2026b).

In einem aktuellen Forschungsprojekt werden zehn Tiny Forests im Alter von ein bis fünf Jahren interdisziplinär untersucht. Freiwillige, Schulklassen und Anwohnende dokumentieren das Baumwachstum, zählen und bestimmen Insekten und erforschen die mikrobiologische Aktivität des Bodens. So kann nachvollzogen werden, wie sich Tiny Forests und ihre Biodiversität im Laufe der Jahre entwickeln (MIYA forest, 2025; MIYA forest, 2026b).

Die Verbindung zwischen Mensch und Natur stärken

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen in Städten leben und der direkte Kontakt zur Natur verloren geht, sind Tiny Forests mehr als nur ein ökologisches Instrument. Sie sind eine Einladung, die entfremdete Beziehung zur natürlichen Welt neu zu knüpfen. Indem sie Natur direkt in den Alltag holen – in Wohnviertel, auf Schulhöfe, in Firmengärten –, machen sie ökologische Krisen wie Klimawandel und Artenverlust nicht nur sichtbar, sondern auch handhabbar. Alle können mitmachen, alle können einen Beitrag leisten (RPTU, 2024; SLU, 2024).

Tiny Forests zeigen: Es braucht keine riesigen Flächen, um Großes zu bewirken. Ein kleiner Wald kann ein großer Schritt sein – für mehr Artenvielfalt, für ein besseres Klima und für eine Gesellschaft, die wieder lernt, mit und in der Natur zu leben.

Bild von Über die Autorin

Über die Autorin

Ulrike ist Vorständin von MIYA forest e. V. und verantwortet dort insbesondere die Bereiche Finanzen und Marketing. Mit ihrem Master in Global Change Management und ihrer Begeisterung für die Natur möchte sie Menschen inspirieren und ihnen zeigen, dass eine hoffnungsvolle, lebenswerte und grüne Zukunft möglich ist.

Quellen:

Schreibe einen Kommentar