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Interview mit Dr. Albrecht Reuter zum Modellprojekt C/sells

C/sells: Schaufenster für intelligente Energie geht an den Start

Baden-Württemberg initiiert Modellprojekt

Baden-Württemberg hat gemeinsam mit den Bundesländern Bayern und Hessen einen Antrag zur Förderung einer Modellregion für intelligente Stromnetze der Zukunft beim BMWi eingereicht. Das Gesamtvolumen liegt bei 120 Millionen Euro und ist das bislang größte Förderprojekt in dieser Art. Beteiligt sind 63 Partner aus Industrie, Energiewirtschaft und Wissenschaft. Innerhalb von vier Jahren wollen die C/sells-Akteure Süddeutschland zum Schaufenster für intelligente Energienetze etablieren und beweisen: Die dezentrale Energiewende passiert hier und heute.

Das Online-Portal für die grüne Wirtschaft Technewable im Interview mit Dr. Albrecht Reuter, Vorsitzender der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e.V., die als Initiator und Koordinator des C/sells Projekts sich verantwortlich zeichnet.

 

Herr Dr. Reuter, wie ist der Projektname „C/sells“ entstanden – was muss man sich darunter vorstellen?

Das „C“ in C/sells steht für autonom handelnde, regionale Zellen, die im überregionalen Verbund interagieren. Zellen können einzelne Liegenschaften sein, aber auch Quartiere, Arealnetze oder ganze Regionen. Dieser zelluläre Ansatz dient dazu, das Energiesystem zu flexibilisieren und zu koppeln mit einer Vielzahl intelligenter Liegenschaften, Quartiere und Städte. So können wir unterschiedliche technische Lösungen und Geschäftsmodelle erproben, ohne die Stabilität des regionalen Verbundsystems zu gefährden. Die Systemintegration ist IKT-basiert und erfolgt über alle Endenergiearten und ausgewählte Infrastrukturdienstleistungen, wie z.B. der Elektromobilität. Damit ermöglichen wir einen fließenden Übergang von der Demonstration bis zum Rollout erfolgreicher Zellen und etablieren so nach und nach ein funktionierende, intelligente Energienetze, also Smart Grids.

Und wofür steht dann der Begriff „sells“?

Mit dem „s“ in C/sells pushen wir den Wettbewerb und fördern die Community-Entstehung. Wir sind überzeugt, dass virtuelle Plattformen die Grundlage sind für die Partizipation vielfältiger Akteure, die einerseits autonom und andererseits in der künftigen Smart-Energy-Community verbunden agieren. Unser Ziel ist es, neue Wertangebote und Geschäftsmodelle aufzuzeigen und deren Entwicklung zu unterstützen. Dies betrifft insbesondere die effiziente Steuerung der Energieflüsse in und zwischen Liegenschaften oder in Stadtquartieren. Oder auch die Einbindung von Liegenschaften in Märkten sowie die Bereitstellung von Dienstleistungen für Netze – das ist letztlich auch eine Frage der teilnehmenden Akteure, welche kreativen Lösungen und Businessmodelle im Rahmen von C/sells entstehen.Fakt ist: C/sells wird zur Wertschöpfung in Süddeutschland spürbar beitragen und Arbeitsplätze schaffen.

Ohne die Verbraucher läuft nichts, sind sie somit Dreh- und Angelpunkt von C/sells?

Ja und Nein. Wir sprechen nicht mehr von Verbrauchern, sondern meinen alle Akteure im zukünftigen Energiesystem – von den Prosumenten, die ihrerseits an der Energieerzeugung beteiligt sind, über die Netzbetreiber auf allen Ebenen bis zu den Dienstleistungsanbietern. Konkret geht es darum, rund 100.000 Haushalte und Industriebetriebe zu einem intelligenten Stromnetz zu verbinden. Das ist einerseits eine technische Herausforderung sowie eine Frage geeigneter Marktstrukturen, aber bedeutet genauso Überzeugungsarbeit, Dialog und Austausch. Unter „Partizipanz“ verstehen wir hierbei die Verknüpfung von Akzeptanz mit aktiver Partizipation. Erst, wenn wir fast alle Menschen sowohl rational als auch emotional mitgenommen haben, können nahezu 100% der Ziele erreicht werden.

Der alleinige Ausbau erneuerbarer Energien ist nicht die Lösung, die in Deutschland und Europa zum Ziel führt. Die Förderinitiative des BMWi „Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ ist ein wichtiger Katalysator, um alle notwendigen Forschungsbereiche nachhaltig auszubauen und rasch zu Ergebnissen zu kommen, die die Prosumenten praktisch, nicht nur theoretisch, im Alltag einsetzen können.

Was genau ist die Zielsetzung von C/sells?

Mit C/sells treiben wir die Modellregion in Süddeutschland für die intelligente Energieversorgung voran. Hier haben wir faktisch die besten Voraussetzungen, um vor allem PV-Kraft vernetzt zu nutzen, auch dann, wenn die Sonne nicht überall scheint. Mit C/sells legen wir den Grundstein für ein flächendeckendes Roll out von Smart Grids – weit über Süddeutschland hinaus. Das ist auch keine Zukunftsmusik, sondern schon in greifbarer Nähe. Andere Länder sind uns da voraus, zum Beispiel Finnland. Aber es geht nicht darum, aufzuholen aus dem Sportgeist heraus, sondern ein komfortables, funktionierendes Energiesystem zu etablieren, welches ohne fossile Energieträger auskommt.

Bis 2022 muss durch das vollständige Abschalten der Kernkraftwerke ein adäquater Ersatz geschaffen sein, der Ausbau der Erneuerbaren erfordert eine entsprechende Umstellung der Netzinfrastruktur: Volatile Sonnen- und Windkraft bedeuteten mehr Lastausgleich. Gerade in industriestarken Region wie Baden-Württemberg und Bayern ist ein besonders starker Wandel im Energiesystem erforderlich. C/sells testet im Echtzeitbetrieb das intelligente Netz der Zukunft, ohne die Versorgungssicherheit einzuschränken. Ein Übergang zum Energiesystem 4.0 im laufenden Betrieb ist die bestmögliche Art, für Akzeptanz, Beteiligung und Sicherheit sowie wachsenden Komfort zu sorgen.

Ein wichtiges Ergebnis von C/sells ist zudem auch die Neudefinition der Rollen von großen und kleinen Energieversorgern, Verbrauchern, Prosumenten – letztlich allen, die mit Strom zu tun haben. Und das sind wir alle – auch die Mieter. Unser Ziel ist es somit auch, so gut wie Alle zum Mitmachen zu bewegen und somit den technischen wie auch den Bewusstseinswandel für das Thema Energieversorgung zu begleiten.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft – was werden Industrie, Energiewirtschaft und Forschung in vier Jahren gelernt haben?

C/sells bringt eine Massenbewegung in Gang. Vor allem gilt es, die Rolle der Prosumenten zu stärken. Aber auch der Aspekt Versorgungssicherheit steht ganz vorne – mit C/sells treten wir innerhalb der nächsten vier Jahren den Beweis an, dass die Energieinfrastruktur der Zukunft auch sicher ist. Das Schreckgespenst Blackout hat bis dahin seinen Schrecken verloren, so unsere Überzeugung.

Mit dem Projekt entstehen neue Kollaborationen und neue Formen der vernetzten Zusammenarbeit von Industrie, Energiewirtschaft und Forschung. Das stellt hohe Anforderungen an die Koordination der Partner dar – die entsprechenden Weichen dafür sind gestellt. Deswegen setzen wir auch auf die Förderung des Bundes als wichtige Voraussetzung für ein bestmögliches Projektgelingen: mit entsprechender Förderung können die PS für eine zielgerichtete, straffe Projektorganisation auf die Straße gebracht werden.

63 Partner sind an C/sells beteiligt – wie ist eine effiziente Projektorganisation gewährleistet?

Zum einen gibt es drei Kernbereiche. Diese wiederum sind in sieben Teilprojekte untergliedert. Die Gesamtkoordination aller Teilprojekte übernimmt SmartGrids BW. Den Verein haben wir in 2012 genau zu dem Zweck gegründet, um die Realisierung der Modellregion organisatorisch zu ermöglichen. In diesen zwei Jahren ist viel passiert: Die 63 Partner haben sich zusammengefunden, Weichen sind gestellt, die Projektskizze im Detail ausgearbeitet. So sind bereits Meilensteine gesetzt – und jetzt geht’s an die Realisierung.

Warum ist eine solche Modellregion aus Ihrer Sicht gerade in Süddeutschland gut geeignet?

Zum einen hat C/sells schon vor dem Umsetzungsstart den Beweis angetreten, dass 63 Partner effektiv zusammenarbeiten können. Und das sogar länderübergreifend mit Einbeziehung der Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen. Wir verorten die Modellregion symbolisch mit dem sogenannten Solarbogen, der sich vom Osten in Salzburg bis ins Elsaß spannt. Einen solchen grenzüberschreitenden Weitblick gibt´s sonst nirgendwo. Dieses breit aufgestellte Portfolio an unterschiedlichen Partnern und Regionen erzeugt ein umfassendes Netzwerk , welches sich über die gesamte Wertschöpfungskette erstreckt.

Zum Abschluss, Herr Dr. Reuter: Was ist der wichtigste Antrieb für das Projekt aus Ihrer Sicht?

C/sells ist unsere Antwort auf die aktuellen Herausforderungen der Energiewende. Mit dem Ansatz der systemisch verbundenen Infrastrukturzellen und der Betrachtung der unterschiedlichen Rollen, in denen die Marktteilnehmer in der Zukunft agieren, schaffen wir ein stabiles, sicheres und hoch flexibles sowie komfortables Energiesystem, das den Anforderungen des zukünftigen Marktes gerecht wird.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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Katja Reisswig

Katja Reisswig