Gastbeitrag von Daniel Fellhauer, Seriengründer und Buchautor
INHALT
Immer wieder stehen Energiewendeprojekte in Deutschland still
An Visionen, Zielen und Technologien mangelt es der deutschen GreenTech nicht. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung. Während über Milliardeninvestitionen, Klimaziele und neue Lösungen diskutiert wird, zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild: Projekte verzögern sich, Aufträge bleiben liegen, Unternehmen wachsen langsamer als geplant.[1] Die Situation wird durch eine derzeit schwache Nachfrage zusätzlich erschwert. Ausschlaggebend sind strukturelle Blockaden in Infrastruktur, Genehmigungen und Prozessen.
In Deutschland stehen erneuerbare Energieprojekte immer wieder still, weil entscheidende Netzanschlüsse und Genehmigungen ausbleiben. Zum Beispiel wurden im ersten Halbjahr 2025 keine neuen Offshore-Windturbinen ans Stromnetz angeschlossen, obwohl sie fertiggestellt waren, weil die notwendige Infrastruktur nicht rechtzeitig bereitstand.[2] Gleichzeitig wird auch die neu eingeführte E-Auto-Förderung ab 2026 wenig ändern: Zwar möchten immer mehr Menschen in Wallboxen und Photovoltaikanlagen investieren, doch der stockende Netzausbau blockiert diese Entwicklung erneut. Wo Netzanschlüsse fehlen, verpufft auch diese Maßnahme als wirtschaftlicher Impuls, denn wer sein Auto nicht laden kann, wird es im Zweifel auch nicht kaufen.
Fachkräftemangel ist Folge veralteter Organisations- und Prozessmodelle
Die Folge dieser stockenden Umsetzung ist ein wachsender Effizienzdruck in den Unternehmen. Wenn Projekte sich verzögern, Genehmigungen ausbleiben und Netze fehlen, bindet jede zusätzliche Abstimmung wertvolle Kapazitäten. Genau an diesem Punkt entsteht der Eindruck eines Fachkräftemangels. Der ist allerdings hausgemacht!
Laut dem GreenTech Atlas des Umweltbundesamts arbeiten in Deutschland rund 3,4 Millionen Menschen im Bereich grüner Technologien. [1] Gleichzeitig klagen Unternehmen über fehlende Monteure für Photovoltaik, Servicetechniker für Wärmepumpen, Netzplaner und Projektmanager. Studien wie die der DIHK[2] verweisen darauf, dass Fachkräfteengpässe den Ausbau von Windkraft, Energieinfrastruktur und klimarelevanten Projekten bremsen. Doch das eigentliche Problem ist weniger ein Mangel an Menschen als ein Mangel an modernen Strukturen. Ein erheblicher Teil der Engpässe ist hausgemacht:
Viele Unternehmen versuchen, neue Märkte mit alten Arbeitsweisen zu bedienen, mit manuellen Prozessen, individuellen Einzellösungen und fehlender Standardisierung. So werden vorhandene Fachkräfte ineffizient eingesetzt. Hochqualifizierte Spezialisten verlieren wertvolle Zeit mit Koordination, Dokumentation und internen Rückfragen, statt produktiv an Projekten zu arbeiten. Der „Fachkräftemangel“ ist damit oft kein naturgegebenes Problem, sondern die Folge veralteter Organisations- und Prozessmodelle.
Was GreenTech hinsichtlich Digitalisierung lernen muss
Ein Blick ins Handwerk zeigt, wie groß die Diskrepanz zwischen digitalem Anspruch und Realität ist. Viele Betriebe halten sich für digitalisiert, weil Angebote als PDF verschickt werden oder eine Software im Einsatz ist. Tatsächlich bleiben die Prozesse dahinter analog: Informationen werden mehrfach erfasst, Wissen liegt in WhatsApp-Verläufen oder Köpfen einzelner Mitarbeitender, Abläufe sind nicht skalierbar. Diese Situation findet sich zunehmend auch in der GreenTech-Branche wieder. Solar- und Energieunternehmen wachsen schnell, übernehmen aber kaum industrielle Prozesslogik. Dabei ist klar: Ohne Digitalisierung der operativen Abläufe lassen sich Engpässe nicht auflösen. Wer jede Anlage, jede Planung, jede Abstimmung neu denkt, wird immer mehr Personal brauchen.
Produktivität ist die neue Nachhaltigkeit
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wo finden wir mehr Fachkräfte?“
Sondern man sollte sich folgende Fragen stellen: „Wie holen wir mehr Wertschöpfung aus den vorhandenen Fachkräften? Und wie kann ich die arbeitswilligen Menschen, die sehr wohl vorhanden sind, bestmöglich für meine Prozesse einsetzen?“ Digitale Standardprozesse, automatisierte Planung, klare Spezialisierung und datenbasierte Entscheidungen sind kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung für Wachstum.
Laut Bitkom-Analysen[1] berichten viele Unternehmen, dass die Digitalisierung von Geschäftsprozessen die Effizienz in verschiedenen Bereichen steigert und Wettbewerbsfähigkeit fördert. Ein produktivitätssteigernder Effekt, der in der GreenTech-Debatte oft unterschätzt wird. Gerade im Zusammenspiel von Industrie, Start-ups und Handwerk liegt enormes Potenzial: Wenn Planung, Installation, Wartung und Abrechnung sauber verzahnt sind, lassen sich Projekte schneller umsetzen, Fehler reduzieren und Fachkräfte entlasten. Das macht die Branche nicht nur effizienter, sondern auch attraktiver für junge Talente, die strukturierte Arbeitsumfelder erwarten.
Fachkräfte bleiben, wenn Systeme funktionieren
Der Wettbewerb um Talente entscheidet sich längst nicht mehr nur über Gehalt oder Purpose. Entscheidend ist, wie gearbeitet wird. Junge Fachkräfte wollen nicht in chaotischen Strukturen versinken oder ineffiziente Prozesse kompensieren. Sie erwarten digitale Werkzeuge, klare Verantwortlichkeiten und echte Entwicklungsmöglichkeiten. Fehlt das, wandern sie ab, in andere Branchen oder ins Ausland. Eine OECD-Studie in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann Stiftung[1] zeigt, dass Deutschland im internationalen Vergleich nicht zu den Top-Ländern gehört, wenn es darum geht, hochqualifizierte Fachkräfte anzuziehen; laut Reuters-Auswertung[2] fiel Deutschland im OECD-Ranking sogar auf Platz 15 bei der Attraktivität für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Ein Zeichen dafür, dass der Standort im globalen Wettbewerb um Talente Nachteile hat.
Die eigentliche Transformation beginnt im Alltag
Die Energiewende wird nicht in Strategiepapieren entschieden, sondern auf Baustellen, in Betriebszentren und in Projektbüros. Dort, wo heute noch Excel-Tabellen, PDFs und Chatverläufe dominieren, muss morgen Prozesslogik herrschen. Digitalisierung bedeutet nicht Software-Einkauf, sondern konsequente Neugestaltung von Abläufen. GreenTech steht vor einer Reifeprüfung: Weg vom Hype, hin zur industriellen Umsetzung. Wer jetzt in Produktivität, Digitalisierung und Führung investiert, kann wachsen. GreenTech ist kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Technologie, Kapital und gesellschaftliche Akzeptanz sind vorhanden. Was fehlt, sind skalierbare Strukturen. Die Branche leidet nicht an fehlenden Fachkräften, sondern an fehlender Skalierung. Ineffiziente Prozesse binden vorhandene Kompetenz. Erst durch Digitalisierung, Standardisierung und klare Prioritäten werden vorhandene Ressourcen produktiv nutzbar.
Daniel Fellhauer
Daniel Fellhauer ist Seriengründer, Transformationsexperte und Buchautor. 2009 gründete er während der Finanzkrise die FEBESOL GmbH und baute in den Folgejahren mehrere Unternehmen im Bereich Solar, Wärmepumpen und erneuerbare Energien auf. Von 2020 bis 2021 leitete er als CEO die S.U.N. Solar Uitvoering Nederland BV. 2025 war er zudem Chief Transformation Officer bei Thermondo. Heute ist er eingesetzter CEO seiner ursprünglich gegründeten Firma FEBESOL.