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Intelligente Stromspeicher und ihre Bedeutung für eine unabhängige Energieversorgung

Technewable im Interview mit Dr. Thomas Pilgram, Geschäftsführer bei der Deutschen Energieversorgung GmbH (DEV)

Stromspeicher helfen, den Eigenverbrauch zu erhöhen

Unter dem Markennamen SENEC entwickelt und produziert DEV intelligente Stromspeicher. Technewable sprach mit Dr. Thomas Pilgram, einem der Geschäftsführer über ihre Speicherlösungen, Angebote und welche Rolle dezentrale Energiespeicher heute und in Zukunft für eine unabhängige Energieversorgung einnehmen.

1. Sie beschreiben die SENEC.Cloud als eine Art Strom-Konto, auf der man in sonnigen Monaten quasi seinen Strom anlegen kann. Wie ist das zu verstehen?

Dr. Pilgram: Ohne eine Speicherlösung können im Durchschnitt nur 30 Prozent des durch die Photovoltaik-Anlage produzierten Solarstroms für den Eigenverbrauch genutzt werden. Dies liegt daran, dass die Energie im Moment der Produktion verbraucht werden muss. Aufgrund der unterschiedlichen Sonneneinstrahlung wird jedoch in sonnenreichen Stunden mehr produziert, verbraucht wird die Energie aber hauptsächlich in sonnenarmen Stunden. Tag-Nacht-Unterschiede können mit einem lokalen Speicher ausgeglichen werden. Beispielsweise kann mit einem Speicher der Marke SENEC bis zu 70 Prozent des auf dem eigenen Dach produzierten Stroms selbst genutzt werden.

Die Unterschiede zwischen der Energieproduktion im Winter und Sommer werden zusätzlich durch die SENEC.Cloud geregelt. Die SENEC.Cloud ist tatsächlich als ein Strom-Konto zu verstehen, in das man in sonnigen Monaten überschüssigen Strom einspeist, um diesen in sonnenarmen Zeiten wieder zu entnehmen. Mit der SENEC.Cloud sind die Verbraucher also nicht mehr auf den Zukauf von Strom in sonnenarmen Zeiten und somit auf ihren Stromversorger angewiesen, da der gesamte Strombedarf über die Cloud abgedeckt wird. Das Angebot von SENEC umfasst übersichtliche Basispakete und individuell zugeschnittene Lösungen, die die Einbindung von Wärmepumpen und Nachtspeicherheizungen ebenso ermöglichen, wie die Einbindung von PV-Bestandsanlagen und das Laden des Elektroautos.

2. Seinen selbst produzierten Strom an einer Stromtankstelle nutzen und das an 50.000 Ladesäulen in Europa – möglich macht es Ihre Cloud-Lösung. Können Sie kurz erklären, wie diese funktioniert?

Dr. Pilgram: Neben Strom und Wärme ist das dritte große Thema auf dem Energiemarkt die Integration von E-Mobilität. Mit der SENEC.Cloud To Go können Besitzer einer Solaranlage und eines SENEC-Stromspeichers ihr Elektroauto an über 50.000 Ladesäulen europaweit kostenlos mit Solarstrom vom eigenen Dach laden. Ein Beispiel: Familie Schmidt aus Leipzig fährt mit ihrem Elektroauto in den Urlaub nach Italien. Im Haus wird in dieser Zeit besonders wenig der selbst produzierten Energie verbraucht. Mit der Mitgliedschaft in der SENEC.Cloud To Go kann Familie Schmidt den eigenen Strom unterwegs nutzen. Dafür nutzt sie ihren SENEC-Chip, den sie an eine von 50.000 Ladesäulen unseres Partners Plugsurfing hält. Mit der SENEC-App behält die Familie die Produktion und den Verbrauch ihrer Energie stets im Blick. Mögliche Parkkosten, die während des Ladens entstehen, werden in Kilowattstunden umgerechnet und ebenfalls über die Cloud abgedeckt.

3. Sie ermöglichen mit Ihrer Lösung die Verbindung von Strom, Wärme und Mobilität und bringen damit einzelne Bereiche oder wie man so schön sagt, Sektoren zusammen, um erneuerbare Energien in allen Bereichen der Energieversorgung zu nutzen. Sehen Sie sich bzw. Ihr Unternehmen als einen Vorreiter für die Energiewende?

Dr. Pilgram: Wir haben die ersten Stromspeicher der Marke SENEC bereits im Jahr 2009 auf den Markt gebracht. Mit unserer jahrelangen Erfahrung aus der Photovoltaikbranche haben wir damit die Notwendigkeit für intelligente Speicherlösungen von Solarenergie als erstes Unternehmen auf dem Markt erkannt. Mit 15.000 verkauften Systemen sehen wir uns als Vorreiter für die Energiewende.

Die Verbindung von lokalen Speichern mit einer Cloud-Lösung wurde ebenfalls von uns entwickelt und wird auch weiterhin langfristig ausgebaut. Als junges, dynamisches Unternehmen sind wir den traditionellen Stromkonzernen einen entscheidenden Schritt voraus: Wir können schnell sowohl auf die Bedürfnisse von Kunden als auch auf politische Veränderungen reagieren. Unser Team aus 125 Mitarbeitern arbeitet täglich an innovativen Energielösungen „made in Germany“.

Die großen Versorger haben einen Vorteil, der aber zugleich ein Nachteil ist: Sie haben den Endkunden ziemlich sicher an Bord. Denn die Wechselquoten bei den großen Stromversorgern sind relativ gering. Insofern haben die Großen keinen echten Handlungsdruck. Der Druck entsteht erst, wenn substantielle Verschiebungen stattfinden. Unser Ziel ist aber auch ein anderes als das der großen Versorger. Die Versorger wollen dem Kunden ihren Strom verkaufen. Wir wollen den Kunden mit dezentraler Energieversorgung unabhängig machen und eine echte Alternative zu den monopolitischen Strukturen bieten.

4. Speicherlösungen sind der Stabilisator in einer auf volatilen Energien, wie es die Erneuerbaren Energien zumindest im Bereich Sonne und Wind sind, fußenden Energieversorgung. Welchen Beitrag können Speicherlösungen für eine stabile Energieversorgung leisten?

Dr. Pilgram: Wenn Strom dezentral auf vielen Millionen Hausdächern produziert wird, muss er ohne Speicher mittels stark ausgebauter Netze abtransportiert werden. Stromspeicher entlasten das Netz, denn der produzierte Strom wird zwischengespeichert und entweder zu einem späteren Zeitpunkt verbraucht oder ins Netz eingespeist. Das verhindert große Lastspitzen in den Netzen. Die Netze müssen nicht auf diese Spitzenlast ausgelegt werden.

Speicher können auch Systemdienstleistungen übernehmen. Mit Hilfe von Speichern kann den Netzbetreibern angeboten werden,  überschüssigen Strom aufzunehmen, um Netze zu stabilisieren. In Zeiten eines Stromdefizits in den Netzen können Speicher Strom zur Verfügung stellen. Diese Dienstleitung ist früher von konventionellen Kraftwerken bereitgestellt worden. Peak-Shaving ist ein anderer Ansatz. Ein Gewerbekunde, der beim Starten einer Maschine eine hohe Leistung aus dem Netz benötigt, bezahlt für diese Leistungsinanspruchnahme. Da die Maschine während des Startvorgangs viel mehr Leistung benötigt als nachher im Betrieb, kommt es zu der Lastspitze. Diese Lastspitze kann auch aus einem Speicher bereitgestellt werden, so dass die Ersparnis in der vermiedenen Lastspitze liegt.

5. Bislang sind rund 1,5 Mio. Solaranlagen auf deutschen Dächern installiert. Hier ist noch viel Platz. Zudem hat erst ein Bruchteil derer, die über eine PV-Anlage verfügen, einen Speicher im Keller zu stehen. Wie hoch schätzen Sie das Marktpotenzial in Deutschland bzw. im DACH-Raum ein?

Dr. Pilgram: Wir haben in Deutschland 15,4 Millionen Einfamilienhäuser. Das sind unsere potentiellen Kunden für eine Photovoltaik-Anlage und für einen Speicher. Derzeit sind im Ein- und Zweifamilienhaussegment rund 600.000 PV-Anlagen und rund 75.000 Stromspeicher verbaut. Immer mehr Menschen setzen auf die Eigenversorgung mit Energie. Dank des Fortschritts in der Solar- und Speichertechnologie und der Digitalisierung des Energiemarktes ist in den kommenden Jahren mit einem Boom zu rechnen.

Ein wesentlicher Grund dafür ist auch, dass die Preise für Stromspeicher in den letzten Jahren gesunken sind und die Amortisationszeit deutlich verkürzt wurde. Das macht die neuen Speicher für immer mehr Verbraucher attraktiv. Alleine in Deutschland wurden 2016 rund 25.000 neue Stromspeicher installiert. Für 2017 rechnen Marktbeobachter, wie das Bonner Marktforschungsinstitut EUPD Research, mit rund 30.000 verkauften Hausspeichern – ein Wachstum von 24 Prozent.

Prognosen zufolge sollen 2018 bereits über 100.000 Stromspeicher in deutschen Haushalten zu finden sein. Mit dem Auslauf der Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ab dem Jahr 2021 rechnen wir mit einem erneuten Boom auf dem Stromspeichermarkt. Spätestens dann werden sich viele PV-Anlagen-Besitzer fragen, wieso sie 70 Prozent ihres selbst produzierten Stroms verschenken und nicht für den Eigenverbrauch nutzen sollten. Auf der anderen Seite werden die Strompreise der großen Anbieter weiter steigen, was das Zukaufen von Strom immer unattraktiver machen wird. Senec hat sich auch europaweit bereits als innovativer Anbieter für Energie- und Speicherlösungen etabliert.

6. Sie arbeiten vor Ort mit Fachbetrieben zusammen, was spricht dafür und wie wählen Sie Ihre Fachpartner aus?

Dr. Pilgram: Mit der festen Verankerung im Handwerk sichern wir den direkten Kontakt zu unseren Kunden und können so schnell auf deren Bedürfnisse reagieren. Bei der Auswahl unserer Fachpartner achten wir auf jahrelange Erfahrung in den Bereichen Photovoltaik und Blockheizkraftwerken und die Bereitschaft, Gesamtenergielösungen anzubieten. Am Fachpartner-Konzept können ausschließlich Elektro-Meisterbetriebe teilnehmen. Alle Partner müssen bereits SENEC-Speichersysteme verbaut und sich mit einer Intensivschulung zertifiziert haben. Mit diesem Anforderungsprofil stellen wir die Qualität unserer Leistungen – vom Produkt, über die fachmännische Beratung bis hin zur Installation unserer Komponenten – langfristig sicher. Doch nicht nur wir treffen eine Wahl in diesem Prozess. Die Entscheidung von über 500 Fachbetrieben für die Installation unserer Stromspeicher bestätigt uns in unserer täglichen Arbeit. Schließlich wissen die Experten der Fachbetriebe am besten zwischen Speichersystemen zu unterscheiden und wählen die beste Gesamtlösung für ihre Kunden aus.

7. Wie schätzen Sie den Stand der Technik bei Energiespeicherlösungen ein? Wird es in den kommenden Jahren weitere Durchbrüche geben oder ist die Technologie bereits ausgereift? Wo sehen Sie die größten Entwicklungsspielräume in Hinblick auf Energiespeicher?

Dr. Pilgram: Speicher auf Basis der Lithium-Ionen-Technologie sind der aktuelle Stand der Technik – die nächsten Entwicklungsschritte sind in weiter Zukunft und derzeit nur im Reagenzglas der Labore. Die Elektromobilität wird den Markt für Energiespeicherlösungen weiter beflügeln, wobei aber die Entwicklungsschritte eher klein ausfallen dürften. Die Preise für das Gesamtsystem, bestehend aus Photovoltaik, Wechselrichter, Unterkonstruktion und Speicher, werden sicherlich weiter fallen, aber in erster Linie aufgrund des weiteren Preisrückgangs bei Photovoltaik-Modulen.

8. Ist eine autarke Energieversorgung aus Ihrer Sicht heute bereits möglich? Welche Voraussetzungen braucht es, damit mehr Menschen sich mit eigens erzeugter Energie versorgen können?

Dr. Pilgram: Ich bin mir sicher, dass eine autarke Energieversorgung bereits möglich ist. Mit der Kombination aus einer PV-Anlage, einem stationären Speicher und intelligenten Cloud-Lösungen können sich unsere Kunden bereits jetzt zu 100 Prozent selbst mit Energie versorgen. Der gespeicherte Strom wird in den nächsten Jahren immer günstiger. Bereits heute liegt der Preis durchgerechnet bei ca. 14,00 € Cent/KW/h. Insofern wird es immer interessanter, den Weg der Autarkie zu beschreiten. Dieser Logik folgend, wird es für immer mehr Menschen auch wirtschaftlich interessant, sich mit selbst erzeugter Energie zu versorgen.

Herr Dr. Pilgram, herzlichen Dank für das Gespräch!

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Katja Reisswig

Katja Reisswig ist promovierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie ist Gründerin des branchenübergreifenden B2B-Portals technewable.com für Akteure der grünen Wirtschaft. Technewable beschäftigt sich mit Cleantech, grünen Lösungen, Projekten und Konzepten sowie seinen Akteuren. Im Mittelpunkt des Portals steht der Transfer hin zu einer grünen Wirtschaft und dessen kommunikative Begleitung.